KONZERTE (Noten-Rezensionen)

 

FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY (1809-1847)

Violinkonzert in e-Moll für Violine und Orchester, op. 64,

hg. von R. Larry Todd, Bärenreiter TP 397 Kassel 2005, Studienpartitur 10 €;

dazu Klavierauszug mit Solostimmen, einger. von Martin Wulfhorst, BA 9050b, 33,95 €


dasselbe Werk ist erschienen bei Henle, hg. v. Ullrich Scheideler, HN 720, Henle München 2003 (Klavierauszug Johannes Umbreit; Fingersatz etc. von Igor Ozim, 19 €)

 

Das scheinbare Glückskind Mendelssohn hatte sich mit vielen Werken lange zu plagen - das ist vor allem seit der öffentlichen Aufführung der verschiedenen Fassungen seiner sinfonischen Werke in den letzten Jahren ins breitere Bewusstsein vorgedrungen. Dies gilt auch für sein großes Violinkonzert - der reizende kleine Bruder in d-Moll steht leider zumeist noch unter dem Verdikt des "genialen Jugendwerks" oder gar, noch schlimmer, des "Schülerkonzerts" - das in den Jahren 1838 bis 1845 immer wieder überarbeitet wurde. Da half auch das Drängen seines Freundes, des Uraufführungsgeigers Ferdinand David nicht, dem sich Mendelssohn auf freundlich-ironische Art widersetzt, wie es in einem seiner Briefe heißt: "brillant willst Du´s haben, und wie fängt unser eins das an? Das ganze erste Solo soll aus dem hohen e bestehen." - Gottseidank ist Mendelssohn dann doch etwas mehr eingefallen, was die Beliebtheit des knapp halbstündigen Werks hinreichend erklärt. Die Neuausgabe liefert für die Dirigeripartitur die zweite Fassung, während Klavierauszug und Solostimmen die beiden Versionen von 1838 und 1845 aufweisen. Hier kann man im Vergleich der Fassungen den Überarbeitungen Mendelssohns nachspüren - für die Geige etwa vor Beginn und während der Kadenz im Kopfsatz besonders erkennbar; auch das Andante ist etwas erweitert. Zwar verweist Todd im Vorwort ausdrücklich auf Davids Ergänzungen durch Stricharten und Fingersätze, ohne die er dieses Werk keinesfalls in die "uncultivierte Violinwelt" schicken wollte, doch muss er (und v.a. auch Mendelssohn selbst) trotz allem eine sehr hohe Meinung von seiner geigenden Mitwelt gehabt haben. Denn von zahlreichen dynamischen Zeichen und Akzenten abgesehen, finden sich kaum Hinweise zur Ausführung, was in Wulfhorstens aktueller Ausgabe natürlich anders aussieht. So kann, wer möchte, ja Details von Wulfhorst problemlos übernehmen und in die "David-Stimme" eintragen.
Beim Vergleich der eingerichteten Solostimmen zeigt sich weitgehende Übereinstimmung bezüglich der Fingersätze - sei´s Mendelssohns eigener Kenntnis des Geigenspiels oder dem allgemeinen Stand moderner Technik zu verdanken. Bei Wulfhorst findet sich zudem an einigen heiklen Stellen ein Alternativfingersatz (meist dann entsprechend dem Ozim´schen) unter den Noten. Generell gibt Wulfhorst recht viel vor, weicht auch bezüglich der Bogeneinteilung deutlicher von der Vorlage ab, um zu effektivem Strich und großem Soloklang zu kommen (z.B. im Kopfsatz, S. 194f.); auch scheint er bei langen Noten dem vierten Finger nicht so recht zu trauen und ersetzt ihn bisweilen durch den dritten. Allerdings: diese Unterschiede fallen kaum ins Gewicht.
In der Henle-Ausgabe ist allerdings die Einrichtung der Solostimme noch ergänzt durch eine ausführliche Dokumentation der unterschiedlichen Versionen, um den Anteil von David oder Mendelssohn gewichten zu können.
Der Klavierpart fällt im Wesentlichen identisch aus; Bärenreiter gibt wohl einige Akzente und dynamische Zeichen mehr an sowie als Ergänzung die Solostimme, die nach Mendelssohns Absicht den Tuttipart weitgehend verstärken und also mitspielen sollte! Dies entlastet den Pianisten sicher auch psychologisch, v.a. im zweiten Satz, wenn die Geige durchgehend die Melodie vor- bzw. mitträgt. Henle hingegen gibt bei den Tuttieinsätzen die Orchesterinstrumente an, sodass der Klavierpart zugleich eine Art Minipartitur darstellt. So bleibt dem Kunden letztlich die Qual vor der Wahl nicht erspart. (Rupert Plischke, 1/2008)

 

 

JOHANNES BRAHMS

Konzert für Violine und Orchester in D-Dur, op. 77

hg. von Ulrich Mahlert, Breitkopf Nr. 8635 Wiesbaden u.a. 2006 (Klavierauszug und Solostimme, eingerichtet von Joseph Joachim und Thomas Zehetmair, 14,00 €; Studienpartitur 8,90 €)

dasselbe Werk bei Bärenreiter, hg. von Clive Brown, BA 9049 (Dirigierpartitur, 37,95 E), dazu Kritischer Kommentar, hg. v. Clive Brown, BA 9049 (14,95 €) sowie Klavierauszug und Solostimme, revidierte Ausgabe von Joachim aus dem Jahr 1905 für 17,95 €) dasselbe Henle, Studienpartitur, hg. von Linda Correll Roesner, Michael Struck, HN 9854, München 2005, 14,00 €

 

Ähnlich wie die freundschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Mendelssohn und David gestaltete sich die Kooperation von Johannes Brahms mit dem Geiger Joseph Joachim, mit dem er ja unter anderem auch auf Konzerttourneen durch die Lande zog. So orientierte sich Brahms an Vorschlägen von Joachim teils willig, beharrte aber auch auf eigenen Ideen und Einfällen, was Mahlert mit Einschränkungen so bewertet, dass Brahms "gerade die Begrenztheit seiner Kenntnisse traditioneller Violintechnik zu überaus originellen, neuartigen Erfindungen violinistischer Satztechnik befähigte". Joachims Mitarbeit fiel aber immerhin so ins Gewicht, dass seine Kadenz in hohem Maße kanonisiert ist. Dementsprechend liegt sie in der Breitkopf-Ausgabe als gesondertes Blatt bei - neben einer Kadenz des Herausgebers Zehetmair, der sich, wie zuvor etwa Gideon Kremer und andere um einen durchaus eigenen Zugang zu diesem Werk bemüht hat. Zudem verfügt diese Ausgabe über zwei getrennte Solostimmen, sodass man sich an Joachims Vorstellungen orientieren, aber gleichwohl Zehetmairs umfassecCnde Vorschläge bzw. die gelegentlich in den Text eingefügten anderen Versionen einiger Takte berücksichtigen kann. Die Bärenreiter-Ausgabe rückt Joachim sogar noch näher, da der Herausgeber dessen Ausgabe von 1905 neben eine eigene, mit wenigen Hinweisen und Fingersätzen `belastete´ Version der Solostimme stellt. Darüber hinaus verweist Clive Brown (Bärenreiter) auf die vor dem Ersten Weltkrieg erschienene Sammlung von bereits dreizehn verschiedenen Kadenzen berühmter Musiker. Die hier beigefügte Sammlung enthält drei verschiedene Versionen der Joachimkadenz (veröffentlicht 1902) sowie diejenigen von Karl (Carl) Halir (1895), Hugo Heermann (1896) sowie von Leopold Auer, sodass dem jungen Solisten reichlich Auswahl zur Verfügung steht. Die Joachim-Kadenz wurde später von Brahms gestrafft, sodass in der Henle-Ausgabe zwei Versionen im Anhang abgedruckt sind und Musikern "besonders ans Herz gelegt" (Henle, VI) werden. In einem 17-seitigen Vorwort informiert Herausgeber Clive Brown ebenfalls über die Beziehung zwischen Brahms und Joachim sowie Entstehungsprozess und erste Aufführungen inklusive Reaktionen hierauf; erste Veröffentlichungen und wichtige Hinweise zur Aufführungspraxis bilden den zweiten Schwerpunkt dieser Einführung - die übrigens allen am spätromantischen Repertoire Interessierten dringend empfohlen seien. Denn die Anmerkungen über Einsatz und Gestaltung von Vibrato und Portamento sowie Bogentechnik seit etwa dem letzten Drittel des 19.Jh. gelten ja fraglos auch für andere Gattungen und Werke! (Rupert Plischke, 1/2008)