KAMMERMUSIK (Noten-Rezensionen)

 

LOU HARRISON, String Quartet Set, für Streichquartett
Stimmen und Partitur, peermusic Classical, New York/Hamburg 1980, 55,50 Euro

Im Juli 2015 wurden uns vom Verlag als “Neuausgaben für Kammermusik” u.a. diese Streichquartett-Noten zur Ansicht zugesandt, kürzlich hat der Ref. die Gelegenheit gehabt, sie mit moderat experimentierfreudigen Musizierfreunden durchzuspielen. Allein, daß das geht (es auf Anhieb „durchzuspielen“) spricht schon für das Werk des 1927 geborenen und 2003 gestorbenen Amerikaners, der zusammen mit Henry Cowell, John Cage und Harry Partch zu den eigenbrötlerischen Außenseitern der sog. „West Coast School“ gezählt wird; diese eint eine weitgehend ablehnende Haltung bezüglich europäischer Avantgarde-Kunst-Ideale zugunsten von großer Aufgeschlossenheit asiatischen und welt-musikalischen Einflüssen gegenüber. Harrison, Schüler von Schönberg und Freund von Charles Ives, hat 1978 das vorliegende fünfsätzige Werk („Set“ darf als „Suite“ verstanden werden) für das kanadische Orford Quartet geschrieben. Der erste Satz bringt Variationen über Walther von der Vogelweides sog. „Palästina-Lied“ („Nû lebe ich mir alrêrst werde“), das man mittlerweile auch von Folkrock-Bands und Mittelalterfesten kennt (vgl. etwa http://tinyurl.com/ms2p3fg). Das vor allem mit Quintharmonien (Harrison präferiert die reine, nicht-temperierte Stimmung) meist dreistimmig kontrapunktisch ausgesetzte Werk trifft den etwas spröden mittelalterlichen Klang des Minnesang-Originals vermutlich recht genau (vgl. die Aufnahme des Del Sol Quartetts aus San Francisco: http://tinyurl.com/m6f7azy). Der zweite Satz „Plaint“ (Lento/adagio) wird im kurzen Vorwort des Komponisten nur mit dem Satz kommentiert „We all complain, at least a little“: ein weitgehend einstimmiges bzw. dreistimmiges Klagelied, mit rhythmisch gegeneinander verschobenen Linien. Die furios-schnelle „Estampie“ führt einen vorbarocken Troubadour-Tanz vor, bei dem Cello und 2. Geige praktisch die Rolle von Schlagwerk-Instrumenten übernehmen: das Cello spielt leere Saiten col legno battuto und klopft mit der anderen Hand auf den Korpus, die zweite Geige darf mehr als 300 Takte lang die leere G-Saite in Achteln repetieren (> 1800 mal g …), während Bratsche und 1. Geige sich mit einer monodischen Melodie abwechseln (vgl. http://tinyurl.com/kehk3kh). Das „Rondeaux“ imitiert barocke Polyphonie mit verzierungsreichen melodischen Linien; auch hier wird reale Vierstimmigkeit meist vermieden: wenn alle vier Instrumente spielen, laufen mindestens zwei in Oktaven parallel. Die Verweigerung traditioneller Harmonik wird im letzten Satz („Usul“, ein rhythmisches Ostinato-Muster der türkischen Kunstmusik) noch verstärkt: es gibt nur noch eine einzige Melodiestimme, weitgehend im dreifachen Unisono, und das Cello spielt wieder nur Bordun-„Schlagwerk“. Daß dabei in der Cello-Stimme ein Symbol zum Einsatz kommt, dessen Bedeutung man sich selbst erschließen muß, könnte den einzigen (allerdings unwesentlichen) Schwachpunkt einer Ausgabe darstellen, die sonst durch gut lesbaren Notendruck, leere Seiten zum besseren Wenden und hilfreiche Stichnoten sehr viel zum sofort gelingenden „Durchspielen“ (s. oben) beiträgt. Insgesamt also das Fazit: gut spielbar, wenn auch nicht einfach, hörbar, wenn auch nicht konventionell-klassisch – ein interessant fremd-klingendes Intermezzo für unsere allzu oft allzu gewöhnlichen Streichquartettabende. (Juli 2017, J. Landkammer)

 

SAINT-SAENS, Morceau de Concert f-moll für Horn und Klavier, op. 94
Urtext, Stimme und Partitur, Hrsg. Rahmer & Schilde, Henle 2016, 13 Euro

Das Werk entstand 1887 und erschien 1893 bei Durand. Saint-Saëns (1835–1921) schrieb erst die Fassung für Horn und Klavier und orchestrierte sie anschließend (1887, veröffentlicht 1905).
Im Vorwort erfährt man etwas über die Geschichte des Horns, die sich in der vorliegenden Komposition von Saint-Saëns besonders anschaulich darstellen lässt. Obwohl das voll chromatisch spielbare Ventilhorn im 19. Jahrhundert in Europa schon stark verbreitet war, hielt Frankreich noch lange am reinen Naturhornklang fest. Das „Morceau de Concert“, übersetzt: „Konzert-Stück“, kann als Vorführwerk für Ventilhorn betrachtet werden. Ein guter Bekannter und Landsmann Saint-Saëns war der Starhornist Henri Chaussier. Für ihn und dessen neuentwickeltes „omnitonisches Horn“ komponierte Saint-Saëns das „Morceau de Concert“. Der Solist soll seine Zuhörer vor jedem Konzert mit langen Erklärungen über sein Spezialhorn auf die Folter gespannt haben.
Die vorliegende Ausgabe erfreut den Pianisten / die Pianistin durch die Einfügung von Fingersätzen, und auch die gezeigten Aufteilungsmöglichkeiten für die beiden Hände bieten eine willkommene Hilfestellung. Die Lesbarkeit ist gut und deutlich, die Notenköpfe sind groß gedruckt. Es gibt Buchstaben und Taktzahlen – eine Taktnummerierung fehlte bei Durand. Besonders zu erwähnen wäre Takt 135: Hier ist das kleine as, bei Durand in der rechten Hand notiert, in die Linke verlegt worden. Das erleichtert das schnelle Lesen, denn die Stelle wird dadurch übersichtlicher.
Der / die Hornist/in erfährt im ausführlichen Vorwort viel über die Entwicklung seines / ihres Instruments. Im Stück selbst gibt es Stichnoten. Beim Seitendruck wurde auf Wendestellen geachtet. Durch recht groß notierte Artikulationszeichen bei relativ eng beieinander stehenden Noten wird die Übersicht allerdings etwas eingeschränkt. Das für Hornist/inn/en nicht allzu schwere Stück hat allerdings einige tückische Stellen. Weniger geübten Spieler/inne/n werden deshalb leichtere Varianten mit tiefer gesetzten Tönen angeboten, oder die Möglichkeit, eine Passage mit schnellen Sechzehnteln – ohne dass ein grober Bruch entsteht – geschickt zu überspringen, nämlich von Takt 84 direkt zu Takt 124. Somit bietet der Verlag nicht nur Hornisten wie Chaussier die Möglichkeit, sich an das „Morceau de Concert“ zu wagen. (Juli 2017, Christina Schimmer)

 

GEORGE GERSWIN, 5 Lieder aus „Porgy and Bess“, arrangiert für Bläserquintett von Ernst-Thilo Kalke
Edition Walhall, Magdeburg 2012, Partitur und Stimmen, 17,50 Euro

Das in der Reihe „Learning with Fun“ der Edition Walhall im Verlag Franz Biersack, Magdeburg erschienene Arrangement der bekanntesten Lieder aus der 1935 uraufgeführten Oper Porgy and Bess von George Gershwin ist für die Besetzung eines typischen Bläserquintetts mit Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott geschrieben. Die fünf Lieder Summertime, I Got Plenty o’ Nuttin, I Loves You Porgy, It Aint Necessarily So und Bess, You Is My Women Now sind durch kurze Überleitungen zu einer Suite verknüpft, können aber sicherlich auch – als dann aber teilweise recht kurze Stücke – einzeln gespielt werden.
Der Notensatz ist klar, übersichtlich und gut lesbar. Sehr angenehm ist, dass in einigen der Einzelstimmen Seiten doppelt vorhanden sind, um hastiges Umblättern innerhalb einer Phrase zu vermeiden. Der Notentext ist weitgehend frei von Fehlern. Im Takt 221 spielt aber die Flöte auf dem 4. Schlag ein b und das Horn ein klingendes h. Wir haben uns auf ein b für beide Instrumente geeinigt.
Dem Titel der Reihe entsprechend ist der Schwierigkeitsgrad des Arrangements nicht zu hoch, so dass auch Laienmusiker das Werk mit den großartigen Melodien mit viel Freude spielen können. (Juli 2017, Hartmut Häuseler)

 

EDWARD ELGAR, Salut d’amour Opus 12 für Violoncello und Klavier
hg. von Rupert Marschall-Luck, Fingersatz der Klavierstimme von Rolf Koenen, mit zusätzlicher bezeichneter Violoncellostimme von Claus Kanngießer, Henle, München 2014, Urtext, 7 Euro

Als Elgar im Dezember 1888 seinen „Liebesgruß“ (später „Salut d’amour“ genannt) an den Schott-Verlag für umgerechnet 180 Euro verkaufte, ahnte er wohl kaum den Verkaufserfolg, der dem Werk bis heute beschieden ist. Schon 1899 gab Schott, vermutlich ohne Beteiligung des Komponisten, eine Reihe weiterer Arrangements heraus. Dabei entstand aus Elgars Version für Violine und Klavier eine Umarbeitung für Violoncello und Klavier, die bis 2014 die einzige käufliche Ausgabe für diese Besetzung darstellte.

1968 erwarb die Pierpont Morgan Library in New York Notenmaterial von „Salut d’amour“ mit einem bisher nicht publizierten Autograph Elgars aus dem Jahre 1888 für die Besetzung Violoncello und Klavier, das von der 1899 entstandenen, bis heute gebräuchlichen Fassung aus dem Schott-Verlag deutlich abweicht. Dem Henle-Verlag verdanken wir nun die sorgfältige Neu-Edition beider Versionen. Elgar, der seinen Salut d’amour ursprünglich in E-Dur geschrieben hatte, erkannte die spieltechnischen Schwierigkeiten dieser Tonart für Laien und transponierte das Werk deshalb nach D-Dur. In einem Brief an einen befreundeten Laiencellisten schrieb er, der Anfang wirke ganz gut auf dem Cello, aber der Mittel- und der Schlussteil seiner Komposition seien nur mit Mühe an „Ihr gottloses Instrument“ („your godless instrument“) anzupassen – eine bemerkenswerte Stellungnahme, die hoffentlich nur auf das spezielle Instrument dieses Laien gemünzt war!

Wer die Henle-Ausgabe zur Hand nimmt, hat die Gelegenheit, gleich beide Versionen kennenzulernen: Elgars gut spielbare Bearbeitung und ihre klanglichen Raffinessen auf der D-Saite (u. a. mit Flageolett-Tönen) und die Bearbeitung des Schott-Verlags, die wegen ihrer „geigerischen“ Gesten eine etwas andere, aber auch reizvolle Wirkung entfaltet, wenn man leidenschaftlich und lustvoll die hohen Lagen (die alternativ auch in tieferer Lage angeboten werden) auf der A-Saite auskostet.

Dem Rezensenten hat es viel Freude gemacht, beide Versionen zu spielen und die hilfreichen Fingersätze und Strichbezeichnungen von Claus Kanngießer kennenzulernen. Ein Lob geht an den Henle-Verlag für die kritische Kommentierung der Neuausgabe, für die gut umsetzbaren spieltechnischen Hinweise in beiden Cello-Arrangements sowie für das übersichtliche Notenbild – und das alles zu einem günstigen Preis! (Juni 2016, Martin Faber)

 

CARL NIELSEN

Canto serioso für Horn in F und Klavier op. 132

hg. von Dominik Rahmer Henle, München 2014, 9 Euro

Carl Nielsen (1865–vv1931) war während seiner Karriere als Violinist im Königlichen Theater in Kopenhagen angestellt und bleib auch nach Beendigung seiner aktiven Musikerzeit dem Hause bis 1914 als Dirigent verpflichtet. Nachdem mit Veröffentlichung seiner dritten Sinfonie und seines Violinkonzertes 1912 der internationale Durchbruch geschafft war, konnte sich Nielsen als freischaffender Künstler etablieren. Für das Königliche Theater wurde im April 1913 die Stelle eines vierten Hornisten öffentlich ausgeschrieben und für das Probespiel komponierte Nielsen ein kurzes Stück, das für die Besonderheiten des tiefen Horn ausgelegt ist. Nach ersten Skizzen in Bleistift fertigte er eine endgültige Version in Tintenschrift an, die als Vorlage für sechs Kopien diente, die den Bewerbern und dem Klavierbegleiter vorgelegt wurden. Zu diesem Zeitpunkt trug das Werk noch keinen Titel.

Da die Komposition für Nielsen nicht nur eine Gelegenheitsarbeit darstellte, sondern er darin eine wertvolle Arbeit erkannte, bearbeitete er das Stück zusätzlich auch für Cello. Die Uraufführung dieser Version fand 1916 unter dem Titel „Andante sostenuto“ statt. Nachträglich ergänzte Nielsen den Titel „Canto serioso“. Die Erstausgabe erschien allerdings erst 1944 in beiden Fassungen im Kopenhagener Skandinavik Musikforlag.

Seiner speziellen Entstehungsgeschichte entsprechend ist das Stück vor allem für tiefes Horn komponiert und verbleibt in der mittleren und tiefen Lage (höchster Ton ist ein fis2), nicht ohne – neben längeren Haltetönen – eine technische Virtuosität abzuverlangen, die sich in Dreiklangsbrechungen und Staccati ausdrückt. Aber es finden sich auch elegische, kantable Stellen, an denen das Horn seinen vollen, warmen Klang zum Ausdruck bringen kann. Die Stimme ist klar gegliedert, Stichnoten bieten bei Tempowechseln gute Hilfestellungen für die Einsätze.

Die Klavierbegleitung ist übersichtlich und nicht zu schwer, die Fingersätze sind gut eingerichtet. Bei einer Gesamtaufführungszeit von ca. 5 Minuten gibt es keine Schwierigkeiten beim Seitenwechsel. Das Notenbild ist, wie bei Henle üblich, sehr gut dargestellt und gut lesbar.

Auch wenn man sich nicht um eine Orchesterstelle bewirbt, macht der Canto serioso einen guten Eindruck und lässt das Horn im besten Licht erscheinen. (Juni 2016, Peter Simank)

 

MAURICE RAVEL

Sonate für Violine und Violoncello

hg. von Ulrich Krämer, mit einer bezeichneten und einer unbezeichneten Streicherstimme; Fingersatz und Strichbezeichnung a) für die Violine von Frank Peter Zimmermann und b) für das Violoncello von Christian Poltéra, Henle, München 2013, Urtext, 22 Euro

Unter den drei bedeutenden Originalkompositionen für Geige und Cello, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind, ragt neben dem Duo von Kodály op. 7 (1914) und dem Duo Nr. 1 von Martinů (1927) die Sonate für Violine und Violoncello von Ravel (1922) als Meisterwerk heraus. Den ersten Satz komponierte Ravel 1920 im Andenken an seinen Freund Debussy („A la mémoire de Claude Debussy“). Zusammen mit den im Jahr 1922 hinzugefügten drei Sätzen entwickelte sich das ursprüngliche „Duo“ – so die Bezeichnung für den ersten Satz von 1920 – zur großen Form einer Sonate en quatre parties. Die Komposition bleibt der Tonalität verhaftet, spielt aber mit Bitonalität und überrascht mit dissonanten Akkorden sowie variablen Rhythmen – somit ein „zeitgemäßes“ Werk der zwanziger Jahre. Ravel ließ nach seinen eigenen Worten die Spieler der Uraufführung „schuften“; er ging aber auch auf berechtigte Wünsche der Musiker ein und gewährte einige spieltechnische Erleichterungen. In der Kritik der Uraufführung 1922 hieß es, Ravel habe mit seinem Werk ein „Massaker“ an den Solisten verübt, so überfordert wirkten die Spieler! Wie Ulrich Krämer im Vorwort der neuen Henle-Ausgabe schreibt, setzt sich Ravel im Schluss-Satz der Sonate „mit seiner polyphonen Tour de force über die Schranken der instrumentalen Möglichkeiten hinweg“.

Wer diese Tour wagt, und sei es nur, um das interessanteste Werk für Geige und Cello einmal für sich kennenzulernen, dem sei die neue Henle-Edition der Ravel-Sonate empfohlen. Wie schon in der bisher gebräuchlichen Ausgabe des Verlags Durand aus Paris, wird zur besseren Orientierung beim Zusammenspiel die jeweilige Partnerstimme im Kleindruck mitgeführt. Gegenüber Durand weist die Henle-Ausgabe Verbesserungen und Neuerungen auf:

  • ein besonders übersichtliches Notenbild,
  • Erleichterungen fürs Blättern,
  • „musikalische“ und hilfreiche Fingersätze (in der Cellostimme ermutigt Poltéra z.B. zum klanglich reizvollen Einsatz leerer Saiten, die man als „guter Schüler“ vielleicht vermieden hätte…)
  • ein ausführliches Vorwort und kritische Bemerkungen zu Abweichungen des Notentextes in den bisherigen Ausgaben und
  • eine Übersetzung sämtlicher französischer Vortragsbezeichnungen.

Wer sich für Ravels Duo begeistern lässt (beispielsweise beim Hören der mitreißenden Interpretation der Brüder Capuçon), könnte auch als Laie einmal die weniger „wilden“ Passagen des Werks anspielen und sich vom gesanglichen wie rhythmischen Reichtum der Komposition anstecken lassen – und dies in einer Besetzung mit nur zwei Streichinstrumenten.

Ravel selbst betrachtete die Sonate für Geige und Cello als einen „Wendepunkt“ (un tournant) in seiner musikalischen Laufbahn. Im Vorwort der Henle-Ausgabe werden zwei Bücher genannt, die sich mit der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Werks sowie mit der von Ravel gewünschten Aufführungspraxis beschäftigen. Ravel gab den Musikern der Uraufführung ungewöhnliche Ratschläge: So empfahl er, im Rondothema den Springbogen „wie ein mechanisches Kaninchen“ einzusetzen – wenn das nicht die Neugier für die Sonate weckt? Die neue Henle-Ausgabe ist zum günstigen Preis von 22 Euro erhältlich. (Juni 2016, Martin Faber)

 

La Belle Époque – Französische Musik um 1900 für Flöte und Klavier

hg. von Edmund Wächter und Elisabeth Weinzierl, Schott, Mainz 2015, Partitur (116 S.) und Stimme (44 S.), 28 Euro


Das Heft enthält 22 kurz(weilig)e leichte bis mittelschwere Stücke, „die in besonderer Weise die Qualitäten der Flöte im Sinne der Neuen Französischen Schule zur Geltung bringen.“ Es handelt sich um 17 Originalkompositionen für Flöte und Klavier und fünf zeitgenössische Bearbeitungen von meist bekannten, zum Teil heute aber auch (fast) vergessenen Komponisten, über deren (flöten-)biographische Bedeutung die Herausgeber (auf englisch und deutsch) am Ende des Heftes jeweils kurz informieren. Rätselhaft blieb uns die Reihenfolge der Stücke im Heft, die weder chronologisch (Kompositionsjahr, das erfreulicherweise angegeben wird, Geburts- oder Sterbedatum des Komponisten), noch alphabetisch (Komponistennamen oder Überschriften), noch nach (vermeintlichem) Schwierigkeitsgrad vorgenommen wurde. Gibt es ein weiteres, uns verborgen gebliebenes Kriterium? Vielleicht, fragten wir uns, wurden die Stücke aufgrund günstiger Blätterstellen angeordnet? Doch das nun leider ganz und gar nicht, im Gegenteil, hier liegt ein Schwachpunkt der ansonsten gut gestalteten Ausgabe: Die Verteilung der Klavierstimme ist sowohl in Bezug auf die Seitenanordnung wie auch, was Taktverteilungen angeht, leider zu kritisieren – hier hat ein ordnender Blick auf Ganze gefehlt. Während Notenstecher sich früher als erstes sehr genau überlegen mussten, wie sie die Takte auf die Seiten verteilen, erlauben die Notensatzprogramme heute, einfach loszuschreiben, die Einteilung erfolgt dann zum Schluss mehr oder weniger automatisch – was aber leider selten auch bedeutet: wendetechnisch praktisch. Die Details bekommt der Verlag, sie sollen hier nicht ermüden, nur so viel: Allein drei Stücke auf einer rechten Seite beginnen zu lassen und vier andere auf einer linken, würde dem Pianisten das Blättern erleichtern. Ein Detail für die Flöte: Auf S. 13 fehlt in Takt 38 ganz offensichtlich oder besser: deutlich hörbar ein Auflösungszeichen vor der zweiten Halben. – Hoffen wir also auf entsprechende Verbesserungen bei einer dem Heft durchaus zu wünschenden 2. Auflage. (Juni 2016, Michael Knoch)



MAURICE RAVEL

Ma Mère l'Oye, 5 Pièces Enfantines nach Charles Perrault, für Streichquartett arrangiert von Ernst-Thilo Kalke

Musikverlag Bruno Uetz 2010, 18 €

Maurice Ravels "Ma Mère l'Oye" (Meine Mutter, die Gans) ist eine Abfolge von fünf Einzelstücken: Pavane de la Belle au bois dormant (Dornröschen), Petit Poucet (der kleine Däumling), Laideronette, Impératrice des Pagodes (Laideronette, Kaiserin der Pagoden), Les entretiens de la Belle et la Bète (Unterhaltung zwischen der Schönen und dem Biest) und Le Jardin féerique (der Feengarten). Die Komposition, die zu den eingängigsten Stücken Ravels gehört, existiert in zwei unterschiedlichen Fassungen: die ursprüngliche für Klavier zu vier Händen und eine spätere, vom Komponisten selbst orchestrierte.
Nun ist, von Ernst-Thilo Kalke arrangiert, eine Fassung für Streichquartett herausgekommen. Neben den vier Einzelstimmen enthält sie eine Gesamtpartitur und ein Vorwort. Der Inhalt der Stücke wird im Vorwort der Ausgabe kurz skizziert, wobei leider nicht die von Ravel selbst stammenden charakterisierenden Zitate der vierhändigen Fassung, sondern die Inhaltsangaben aus dem Programmheft einer Ballettfassung zugrunde gelegt werden. Das ist darum bedauerlich, weil diese Inhaltsangaben in eine ganz andere Richtung weisen als die sehr viel mehr die Phantasie anregenden Originalzitate (besonders zum 1. und 4. Stück).
Leider erwecken auch einige ärgerliche Druckfehler den Eindruck, dass die Ausgabe sehr oberflächlich lektoriert wurde. So steht z. B. in Nr. 1, Takt 5 ff. und 17 ff. "es" statt "d". In Nr. 3, Takt 42 f. der Cellostimme müsste ein b vorgezeichnet sein und in Nr. 4, Takt 67 fehlt eine Viertelpause.
Die Ausgabe versäumt nicht, darauf hinzuweisen, wie viele Bearbeitungen Ernst-Thilo Kalke für Streichquartett und andere Ensembles bereits vorgelegt hat. Erkennbar handelt es sich überwiegend um "Gebrauchsmusik" für Hochzeiten, Begräbnisse und andere mehr oder weniger festliche Anlässe. Entsprechend routiniert ist auch diese Bearbeitung ausgefallen. Den Feinheiten der Ravel'schen Komposition versucht sie mit Sordino-, Pizzicato- und Glissando-Anweisungen gerecht zu werden. Dennoch kommt keine rechte Spielfreude auf. Das liegt vor allem daran, dass der Part der 1. Violine sehr klar dominiert, auch was die technischen Schwierigkeiten betrifft. Vorstellbar wäre eine Besetzung mit einem/einer sehr versierten ersten Geiger/in und drei weniger fortgeschrittenen Spieler/inne/n. (Lothar Helm, 2/2012)

 

MAURICE RAVEL

Ma Mère l'Oye für Holzbläserquintett bearbeitet von Joachim Linckelmann

Bärenreiter 2008, 23,95 €

Ein oberflächliches Lektorat (siehe vorherige Rezension) muss sich Joachim Linckelmanns gekonnt und sorgfältig erstelltes Holzbläserquintett-Arrangement nicht vorwerfen lassen. Und alle fünf Instrumente kommen thematisch zum Zuge, für ausgewogenes kammermusikalisches Ensemblespiel ist hier durchaus gesorgt.
Lesen Sie Vorworte auch eher selten und i.A. nicht vor dem ersten Durchspielen, sondern allenfalls hinterher? Allen nicht-professionellen Piccolo-Spieler/inne/n sei empfohlen, folgenden im Vorwort versteckten Hinweis unbedingt vorher zu beachten, der da lautet: Die "chinesische" Pentatonik im 3. Satz lässt sich auf dem Klavier am einfachsten mit den schwarzen Tasten wiedergeben. Für andere Instrumente mag Fis-Dur eine eher unangenehme Tonart sein, daher bietet diese Bearbeitung eine nach F-Dur transponierte Alternativversion an. Die Original-Fassung musste aber unbedingt auch beibehalten werden, da sich in der Flötenstimme eine bekannte Piccolo-Probespielstelle befindet. Wir entdeckten diesen nach F-Dur transponierten Satz, der im Heft hinter dem Fis-Dur-Original abgedruckt ist, natürlich erst, nachdem wir uns mühsam durch die sechs Fis-Dur-Kreuze gekämpft hatten...
Im Vorwort heißt es zum Schluss: Maurice Ravel hat [von seinem Werk, das er für Klavier vierhändig komponiert hatte] selber eine Orchesterfassung angefertigt, nicht aber eine für Bläserquintett. Diese Lücke möchte diese Bearbeitung nun schließen. Diesen Hinweis darf man durchaus auch als reizvolle Herausforderung auffassen. Denn an die Brillanz oder auch Leichtigkeit einer guten Klavierdarbietung heranzukommen oder aber an die Farbigkeit, Zartheit und Wucht der Ravel'schen sehr differenzierten Sinfonieorchester-Instrumentation (mit Harfe, Celester, Solo-Violine und Kontrafagott) dürfte einem Bläserquintett nicht auf Anhieb gelingen. Aber sind es nicht gerade die Herausforderungen, die uns locken? (Michael Knoch, 2/2012)

 

 

AARON COPLAND

The Copland Violin Collection. 13 Pieces for Violin and Piano, arranged by Quincy C. Hilliard

Boosey&Hawkes, New York 2009, 29,95 €

Die hier versammelten 13 Sätze bzw. Stücke für Geige und Klavier entstammen dem gesamten Schaffen Coplands. Das Duo (Nr. 3), ursprünglich für Flöte und Klavier, wurde von Copland selbst bearbeitet. Es erfordert im Kopfsatz viel Gesanglichkeit sowie Arbeit am Klang und weist auch einige Sprünge im Geigenpart auf, durch die dieser und auch andere Sätze nicht ganz optimal in der Hand liegen. Andererseits gibt es dezidierte Tempohinweise und Spielanleitungen (z.B. ein wiederholtes "don´t hurry"), sodass die Ausführenden durchaus zum Ausspielen und "Genießen" aufgefordert sind. Häufige Vorzeichenwechsel (2b, 6b, 4#, 1b etc.) erzwingen zudem die enge Abstimmung mit dem Klavierpart, die auch für den poetisch-melancholischen langsamen Satz unbedingt sinnvoll ist. Hier gilt es auch, sich dem frei schwebenden Melos hinzugeben, da die häufigen Taktwechsel das traditionelle "Durchzählen" als wenig praktikabel und dem musikalischen Fluss nicht angemessen erscheinen lassen. Recht stabil im Vierermetrum ist hingegen der tänzerische Schlusssatz gehalten; rhythmische Präzision und Sicherheit bis in hohe Lagen sind Voraussetzung für ein gelingendes Spiel. So mag Coplands im knappen Vorwort skizziertes musikalisches Credo, "to say it in the simplest possible terms", auf einige der Bearbeitungen sicher zutreffen (etwa das einleitende "Billy and his Sweetheart" oder das "Vieux Poème" im Adagiotempo) - aber eben nicht für alle Beiträge in dieser durchaus reizvollen Zusammenstellung. Die Mischung aus fröhlichen, tänzerischen, folkloristisch geprägten Stücken, Suitensätzen oder auch einer dreisätzigen Sonate mit eminent motorisch mitreißendem Kehraus bietet reichlich Material zum Kennenlernen und Einstudieren; das Prima-vista-Vergnügen kommt aufgrund der teils übersichtlichen Stimmen phasenweise auch nicht zu kurz. (Rupert Plischke, 1/2012)

 

 

BEDŘRICH SMETANA

Streichquartett Nr. 1 "Aus meinem Leben", e-Moll,

Urtext, hrsg. v. Milan Pospisil, Henle 2010, Stimmen 25 € und Studienpartitur 12,50 €.

Bedřich Smetana war schon zwei Jahre ertaubt, als er im Jahre 1876 das erste seiner beiden Streichquartette, in e-Moll, schrieb. Wer es je aufmerksam hörte oder gar selbst spielte, wird auf alle Fälle den solistischen ersten Einsatz der Viola nie vergessen. Während die anderen drei Instrumente 30 Takte lang am Klangteppich weben, darf die Bratsche mit punktiertem Rhythmus und triolischen Melismen die Träume eines jungen Mannes darstellen, der sich anschickt, die (musikalische) Welt zu erobern.
Hineingelesen, hineingehört? Smetana selbst gibt Auskunft, warum er das Werk, altersgereift, aber keineswegs abgeklärt, mit dem Titel "Aus meinem Leben" bezeichnet hat: "Meine Absicht war es, den Verlauf meines Lebens in Tönen zu schildern. I. Satz: Hang zur Kunst in meiner Jugend, Vorherrschaft der Romantik, unaussprechliche Sehnsucht nach etwas, was ich gar nicht in Worten ausdrücken und mir gar nicht in bestimmter Gestalt vorstellen konnte; aber zugleich wie eine Warnung vor dem Unheil, das mir bevorstand". Das meint die ersten drei Töne: den Auftakt, das lang ausgehaltene H und den Quintsprung nach unten. "Der lang anhaltende Ton im Finale entstand aus diesem Anfang; es ist jenes schicksalsschwere Pfeifen in den höchsten Tönen, das im Jahr 1874 in meinem Ohr meine beginnende Taubheit ankündigte." Es dürfte wohl in der Musikgeschichte der einzige komponierte Tinnitus sein.
Auch zu den anderen Sätzen hat Smetana seine Vorstellungen und Impulse geschildert: Der zweite als Quasi-Polka führt durch seine Jugendzeit, in der er seine "Umwelt mit Tanzstücken überschüttete." Der mittlere Satz(-Abschnitt) Meno vivo ist der, den "die Herren Mitglieder des Streichquartetts als absolut undurchführbar bezeichnet haben". Mit dieser Bemerkung nimmt er Bezug auf die von den vorgesehenen Musikern verweigerte Uraufführung im Februar 1877 aus Anlass der Gründung des Kammermusikvereins im Januar in Prag. Erst im April 1878 kam es in privatem Rahmen in Prag zur ersten Aufführung (mit Dvřoák an der Viola). In den Tönen des Satzes Meno vivo male er "Erinnerungen an die Kreise der Adeligen, in denen [er] lange Jahre gelebt habe." Der dritte stellt seine junge Liebe - zu seiner späteren Ehefrau - dar, der vierte: "die Erkenntnis der Wesensart der nationalen Musik... bis zu jenem Augenblick, da sein weiterer Verlauf durch die ominöse Katastrophe jäh unterbrochen wurde, Beginn der Taubheit." Hier wird das viergestrichene E über zweieinhalb Takte verlangt. "Ausblick in eine freudlose Zukunft ... kleiner Hoffnungsstrahl ... ein schmerzliches Gefühl." (Zitate aus dem Vorwort des Quartetts, nach: Smetana in Briefen und Erinnerungen)
Smetanas Idee war es, diese kurzen dichterischen Beschreibungen in die Noten mit aufzunehmen, gedruckt auf die Rückseite des Titelblatts. Die langjährig vertraute Druckausgabe der Edition Peters hat diesen Gedanken verwirklicht und die kurze Textfassung sozusagen als Vorspann vor die Noten in der ersten Violine gesetzt. Ganz im Sinne Smetanas! Die hier besprochene Henle-Ausgabe mutet hingegen dem Benutzer zu, sich erst durch die Lektüre des sehr informativen Vorworts auch in dieser Hinsicht kundig zu machen.
Davon abgesehen: Die im Jahre 2010 erschienene, von Milan Pospisil besorgte Urtextausgabe des Henle-Verlags zeichnet sich - in bewährter Manier - durch zwei hervorragende Merkmale aus: Zum einen ist dies die editorische Leistung des akribischen Vergleichs mit Smetanas Autograph und der Erstausgabe der Partitur als Fassung letzter Hand des Komponisten. Dieser war vom Korrekturlesen nicht begeistert! - und so gibt es im Vergleich mit den anderen Ausgaben (z.B. dem Klavierauszug) etliche Abweichungen. Wer sich hierein vertiefen möchte, dem steht der umfangreiche textkritische Apparat im Anhang der Partitur und der ersten Violine unter der Überschrift "Bemerkungen" zur Verfügung. Er umfasst in der Partitur sieben Druckseiten!
Der andere eher musikantische Vorzug der neuen Henle-Ausgabe liegt im Gebrauchswert der Stimmen. Welch klares, übersichtliches Notenbild! Aber nicht nur dies - die Praktikabilität des Lesens und Spielens aus der Stimme wird endlich auf Anhieb erleichtert, denn an problematischen "Blätterstellen" wird eine dritte Seite zur Verfügung gestellt, so dass sich das Blättern erübrigt! Hier hat der Satz "Vervielfältigungen jeglicher Art sind gesetzlich verboten" nicht nur seine juristische Bedeutung - die Musikanten können auch tatsächlich ohne Kopien auskommen. (Wilhelm Wegner, 1/2012)

 

 

BEDŘRICH SMETANA

Streichquartett Nr. 1 "Aus meinem Leben", e-Moll, Urtext

hrsg. v. Milan Pospisil, Henle 2010, Stimmen 25 € und Studienpartitur 12,50 €.

Bedřich Smetana war schon zwei Jahre ertaubt, als er im Jahre 1876 das erste seiner beiden Streichquartette, in e-Moll, schrieb. Wer es je aufmerksam hörte oder gar selbst spielte, wird auf alle Fälle den solistischen ersten Einsatz der Viola nie vergessen. Während die anderen drei Instrumente 30 Takte lang am Klangteppich weben, darf die Bratsche mit punktiertem Rhythmus und triolischen Melismen die Träume eines jungen Mannes darstellen, der sich anschickt, die (musikalische) Welt zu erobern.
Hineingelesen, hineingehört? Smetana selbst gibt Auskunft, warum er das Werk, altersgereift, aber keineswegs abgeklärt, mit dem Titel "Aus meinem Leben" bezeichnet hat: "Meine Absicht war es, den Verlauf meines Lebens in Tönen zu schildern. I. Satz: Hang zur Kunst in meiner Jugend, Vorherrschaft der Romantik, unaussprechliche Sehnsucht nach etwas, was ich gar nicht in Worten ausdrücken und mir gar nicht in bestimmter Gestalt vorstellen konnte; aber zugleich wie eine Warnung vor dem Unheil, das mir bevorstand". Das meint die ersten drei Töne: den Auftakt, das lang ausgehaltene H und den Quintsprung nach unten. "Der lang anhaltende Ton im Finale entstand aus diesem Anfang; es ist jenes schicksalsschwere Pfeifen in den höchsten Tönen, das im Jahr 1874 in meinem Ohr meine beginnende Taubheit ankündigte." Es dürfte wohl in der Musikgeschichte der einzige komponierte Tinnitus sein.
Auch zu den anderen Sätzen hat Smetana seine Vorstellungen und Impulse geschildert: Der zweite als Quasi-Polka führt durch seine Jugendzeit, in der er seine "Umwelt mit Tanzstücken überschüttete." Der mittlere Satz(-Abschnitt) Meno vivo ist der, den "die Herren Mitglieder des Streichquartetts als absolut undurchführbar bezeichnet haben". Mit dieser Bemerkung nimmt er Bezug auf die von den vorgesehenen Musikern verweigerte Uraufführung im Februar 1877 aus Anlass der Gründung des Kammermusikvereins im Januar in Prag. Erst im April 1878 kam es in privatem Rahmen in Prag zur ersten Aufführung (mit Dvřoák an der Viola). In den Tönen des Satzes Meno vivo male er "Erinnerungen an die Kreise der Adeligen, in denen [er] lange Jahre gelebt habe." Der dritte stellt seine junge Liebe - zu seiner späteren Ehefrau - dar, der vierte: "die Erkenntnis der Wesensart der nationalen Musik... bis zu jenem Augenblick, da sein weiterer Verlauf durch die ominöse Katastrophe jäh unterbrochen wurde, Beginn der Taubheit." Hier wird das viergestrichene E über zweieinhalb Takte verlangt. "Ausblick in eine freudlose Zukunft ... kleiner Hoffnungsstrahl ... ein schmerzliches Gefühl." (Zitate aus dem Vorwort des Quartetts, nach: Smetana in Briefen und Erinnerungen)
Smetanas Idee war es, diese kurzen dichterischen Beschreibungen in die Noten mit aufzunehmen, gedruckt auf die Rückseite des Titelblatts. Die langjährig vertraute Druckausgabe der Edition Peters hat diesen Gedanken verwirklicht und die kurze Textfassung sozusagen als Vorspann vor die Noten in der ersten Violine gesetzt. Ganz im Sinne Smetanas! Die hier besprochene Henle-Ausgabe mutet hingegen dem Benutzer zu, sich erst durch die Lektüre des sehr informativen Vorworts auch in dieser Hinsicht kundig zu machen.
Davon abgesehen: Die im Jahre 2010 erschienene, von Milan Pospisil besorgte Urtextausgabe des Henle-Verlags zeichnet sich - in bewährter Manier - durch zwei hervorragende Merkmale aus: Zum einen ist dies die editorische Leistung des akribischen Vergleichs mit Smetanas Autograph und der Erstausgabe der Partitur als Fassung letzter Hand des Komponisten. Dieser war vom Korrekturlesen nicht begeistert! - und so gibt es im Vergleich mit den anderen Ausgaben (z.B. dem Klavierauszug) etliche Abweichungen. Wer sich hierein vertiefen möchte, dem steht der umfangreiche textkritische Apparat im Anhang der Partitur und der ersten Violine unter der Überschrift "Bemerkungen" zur Verfügung. Er umfasst in der Partitur sieben Druckseiten!
Der andere eher musikantische Vorzug der neuen Henle-Ausgabe liegt im Gebrauchswert der Stimmen. Welch klares, übersichtliches Notenbild! Aber nicht nur dies - die Praktikabilität des Lesens und Spielens aus der Stimme wird endlich auf Anhieb erleichtert, denn an problematischen "Blätterstellen" wird eine dritte Seite zur Verfügung gestellt, so dass sich das Blättern erübrigt! Hier hat der Satz "Vervielfältigungen jeglicher Art sind gesetzlich verboten" nicht nur seine juristische Bedeutung - die Musikanten können auch tatsächlich ohne Kopien auskommen. (Wilhelm Wegner, 1/2012)

 

 

GEORGE GERSHWIN

Summertime aus "Porgy and Bess", für Streichquartett (Kontrabass ad lib.) bearbeitet von Wolfgang Birtel

Schott, Mainz 2010, Partitur und Stimmen 17,99 €

Das berühmte Wiegenlied "Summertime" aus George Gershwins Oper "Porgy and Bess" ist nun auch für Streichquartett arrangiert worden. Der Arrangeur Wolfgang Birtel vergleicht die Popularität von "Summertime" mit der des berühmten Wiegenlieds "Guten Abend, gute Nacht" von Johannes Brahms. Schier unendlich sind die Einspielungen in verschiedenen Versionen.
Die Melodie ist durchgehend der ersten Violine zugewiesen, die anderen Instrumente haben nur begleitende Funktion. Lediglich bei den langen Noten der ersten Violine werden ihnen kleine Einschübe zugebilligt. Sehr stiefmütterlich wird die Viola mit ausschließlich langen Noten behandelt... kurz: ein leider sterbenslangweiliges Arrangement - oder sollte so der Charakter des Schlaflieds "herausgearbeitet" werden?
Sehr ähnlich gesetzt ist Summertime für Klarinettenquartett (drei Klarinetten in B und eine Bassklarinette) von Art Marshal, nur dass dort nach dem 40. Takt ein dal segno eingefügt ist, das bis zum 22. Takt führt, von wo aus in den 41.Takt - drei Takte vor dem Ende - zu springen ist. Das Stück ist dann nicht ganz so kurz wie das vorliegende Streichquartett und würde die Möglichkeit bieten, im Dal-Segno-Teil die Melodie vom Cello erklingen zu lassen und so die Wiegenlied-Melodie mit samtenen Tönen zu intensivieren (1988, Tirolff Muziekcentrale, Roosendaal, Nederland).
George Gershwin (1898-1937) war ein amerikanischer Komponist, Pianist und Dirigent. Er komponierte sowohl Stücke für den Broadway als auch klassische Stücke und ab 1931 auch Filmmusik. Berühmt wurde er mit seiner 1924 komponierten Rhapsody in Blue, einer symphonischen Jazz-Komposition für Jazzband, Klavier und Orchester. Seine Folk-Oper Porgy and Bess komponierte er 1935. (Irene Krieger, 2/2011)

 

 

JOHANN CHRISTOPH PEPUSCH

Sonata á [sic!] 3 - für Blockflöte, Violine und Fagott, herausgegeben von Jena-Pierre Boullet

Edition Walhall 2010, 12,80 €

Der Komponist und Musikhistoriker Johann Christoph Pepusch (1667-1752) war es, der den erfolgsverwöhnten Georg Friedrich Händel das Fürchten lehrte. Über viele Jahre hinweg hatte Händel mit seinen prächtig ausgestatteten Opernprojekten einen Triumph nach dem anderen erzielt. Doch 1728 dann kamen John Gay und eben dieser Pepusch daher, brachten ein freches, ja geradezu provokantes Stück Musiktheater auf die Bühne und waren mit einem Mal die Shooting-Stars der Theaterszene. "Die Bettler-Oper" hieß ihr Opus, und es brach mit allem, was der Oper bis dahin heilig gewesen war. Statt Helden und Herrschern brachten Gay und Pepusch die Welt der Bettler auf die Bühne, anstelle von opulenter Ausstattung begnügten sie sich mit spartanisch kargen Bühnenbildern und die kunstvollen Arien ersetzten sie durch schlichte, der Volksmusik entlehnte Melodien. Das Publikum reagierte begeistert auf diesen Tabubruch und strömte in Scharen in die Bettleroper; Händels Opernunternehmen hingegen sah plötzlich ganz schön alt aus und geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Pepuschs Triosonate in G-Dur ist alles andere als revolutionäre, sondern gediegen komponierte Barockmusik mit der Satzfolge Adagio - Allegro - Adagio - Vivace. Eine Besonderheit ist die Besetzung. Pepusch rückt die Instrumente Blockflöte, Violine und Fagott ins Rampenlicht, eine Zusammenstellung, die sehr ungewöhnlich ist und nach Angaben des Herausgebers in dieser Form nur noch einmal in einer Triosonate Vivaldis vorkommt. Da die Vorlage keine Bezifferung des Basses aufweist, verzichtete der Verlag auf die Herausgabe einer Cembalostimme. Sie mag entbehrlich sein, und die Sonate lässt sich tatsächlich auch ohne Einbeziehung eines Tasteninstrumentes gut spielen Doch spricht vieles dafür, dass man zu Pepuschs Zeit wie selbstverständlich auch dann ein Cembalo hinzugezogen hat, wenn keine explizite Bezifferung des Basses vorlag. Diese Aufführungsvariante steht mit der vorliegenden Ausgabe leider nur Interpreten offen, die einen improvisationskundigen Cembalisten in ihren Reihen haben.
Während Pepusch viele andere Kammermusikwerke eher für Amateurspieler konzipierte, stellt die Sonata a 3 spürbar höhere Anforderungen an das Können der Musiker. Schon wegen der damit verbundenen größeren Herausforderung wird sie für viele versierte Blockflötenspieler eine willkommene Bereicherung des barocken Repertoires sein. (Christoph Bruckmann, 2/2011)



ARMANDO GHIDONI

Lirico Jazzy Duo für Flöte und Klarinette

Alphonse Leduc, Paris 2011, Partitur und Stimmen 21,50 €

Je größer die kammermusikalische Besetzung, desto schwieriger gestaltet sich das Finden gemeinsamer Probentermine. Damit ist ein nicht zu verachtender Vorteil des Genres "Duett" schon gleich zu Beginn genannt: eine Flöte oder eine Klarinette als Musizierpartner zu gewinnen, ist nun einmal deutlich leichter als vier weitere geeignete Mitstreiter für ein Bläserquintett unter einen Hut zu kriegen.
Armando Ghidonis "Lirico Jazzy Duo" ist kein Stück, an dem man sich die Zähne ausbeißt, allerdings auch keines von der Sorte, das fortgeschrittene Instrumentalisten mal eben so vom Blatt spielen können. Ganz ohne Üben geht es also nicht. Doch die Trainingsstunden sind gut investiert, denn "Lirico Jazzy Duo" ist ein sehr lebendiges, abwechslungsreiches Stück, das für beide Duopartner attraktive Partien bereithält.
Ghidonis Werken merkt man an, dass sich ihr Komponist zwei musikalischen Welten verbunden fühlt: der Sphäre der Klassik ebenso wie der Sphäre des Jazz. Zwar sind alle Passagen des Stücks traditionell notiert, und es sind keine Improvisationsteile vorgesehen. Aber die markanten rhythmischen Strukturen sorgen dafür, dass Ghidonis Musik schnell zu swingen beginnt und jazzig klingt.
Die Notenausgabe ist sorgfältig gestaltet und großzügig gesetzt; die Blätterstellen wurden intelligent ausgewählt und stellen kein Hindernis dar. Eine zusätzliche Partitur ermöglicht es, das Stück effektiv einzuüben. Wer sich von dieser Beschreibung angesprochen fühlt und sich für weitere Kompositionen Armando Ghidonis interessiert, dem sei die Website des Komponisten empfohlen. Und wer neugierig geworden ist und mal in ein - allerdings schwierigeres und größer besetztes - Werk des Komponisten reinhören möchte, dem sei dieses youtube-Video empfohlen. (Christoph Bruckmann, 2/2011)

 




CHRISTOPH SCHAFFRATH

Trio H-Moll für 2 Traversflöten (Violinen) und Basso continuo

hrsg. von Günter und Leonore von Zadow, Edition Güntersberg 2006, 13,50 €

Sie planen für 2012 ein Konzert anlässlich des 200. Geburtstags von Friedrich dem Großen? Dann lässt sich diese hübsche Triosonate von Christoph Schaffrath wunderbar integrieren. Denn Schaffrath (1709-1763) war von 1734 bis 1744 als Cembalist und Komponist am Hofe des Preußenkönigs tätig und wechselte später zu dessen Schwester Anna Amalia von Preußen. Heute ist sein Name nur noch einer kleinen Schar von Spezialisten geläufig. Zu seinen Lebzeiten war das anders. Es gab sogar Zeitgenossen, die Schaffrath in einem Atemzug mit Komponistengrößen wie Telemann, Bach und Händel nannten.
Schaffrath komponierte zunächst einmal für den Eigenbedarf: über 70 Cembalokonzerte sind überliefert. Daneben schrieb er eine Vielzahl kammermusikalischer Werke, die für die adligen und bürgerlichen Musikliebhaber Berlins gedacht waren und offenbar sehr gut ankamen. Umso erstaunlicher, dass Schaffrath irgendwann fast völlig in Vergessenheit geriet und kaum mehr mit der so genannten "Berliner Schule" in Verbindung gebracht wurde, obwohl er musikhistorisch betrachtet ein wichtiger Vertreter dieser Strömung war. Schon auf Menzels berühmtem Gemälde "Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci" fehlt Schaffrath. Dabei hatte Menzel in diesem Bild ansonsten beinahe alle Musiker berücksichtigt, die am Hofe Friedrichs Rang und Namen hatten. Möglicherweise liegt das frühe Vergessen darin begründet, dass kaum eines der Werke Schaffraths im Druck erschien und die Verbreitung seiner Musik entsprechend sehr begrenzt war.
Umso dankbarer darf man sein, dass in der Edition Güntersberg Schaffraths Trio h-Moll für zwei Traversflöten und B.c. erschien, eine wirklich lohnende Triosonate, bei der man sich nicht streiten muss, welcher der beiden Solisten die 1. Flöte spielen darf. Beide Flötenpartien sind absolut gleichberechtigt und für die Interpreten dankbar zu spielen. Auf ein schönes, gesangliches Adagio folgen ein munteres Allegro sowie ein beschwingtes Vivace.
Wer die Sonate spielt, erkennt sofort, dass ihr Komponist sein Handwerk verstand. Zwar ist auch Schaffrath dem melodieorientierten empfindsamen Stil verpflichtet, wie er am Hofe Friedrichs gepflegt wurde. Doch hält er zugleich an den alten kontrapunktischen Techniken fest, wie er sie insbesondere in der Musik Johann Sebastian Bachs kennen und schätzen gelernt hatte.
Die Ausgabe der Edition Güntersberg ist sorgfältig gemacht und vorbildlich gestaltet, was Lesbarkeit und Blätterstellen anbelangt. Für den ersten Satz ist - quasi als Zugabe - sogar noch der Vorschlag für eine Kadenz beigefügt. Bleibt abschließend festzuhalten, dass die Sonate auch in anderen Besetzungen gespielt werden kann: entweder von zwei Violinen oder in der Besetzung Flöte, Violine und B.c. (Christoph Bruckmann, 2/2011)

 

 

PETER MAXWELL DAVIES

A Birthday Card for Prince Charles for String Ensemble

Schott, London/Mainz 2009, ED 13319, Partitur und Stimmen 14,95 €

Sir Peter Maxwell Davies ist bekannt (und berüchtigt) für komplizierte, überinstrumentierte Partituren, die nervig und sperrig klingen und anstrengend in der Rezeption sind. Es gibt jedoch noch einen anderen "Max", nämlich jenen seit den 1970er Jahren auf der Insel Hoy, der nördlichsten der Orkney-Inseln, residierenden, der für örtliche Amateurensembles leichter zugängliche Stücke schreibt, ähnlich wie Sir Malcolm Arnold in Cornwall (Cornish Dances). Überhaupt hat sich PMDs Stil seit den "Naxos-Quartetten" hinsichtlich Spielbarkeit und Mitteilsamkeit verbessert, "normalisiert" - eine Entwicklung, die wir mit Erleichterung auch bei Penderecki wahrnehmen. Was Malcolm Arnold verwehrt blieb (obwohl er nach dem Tod von Sir Arnold Bax die naheliegendste Wahl gewesen wäre) - Maxwell Davies ist seit ein paar Jahren "Master of the Queen´s Music", also Hofkomponist der Königlichen Familie und hatte 2008 in dieser Funktion einen musikalischen Gruß zum 60. Geburtstag von His Royal Highness The Prince of Wales zu verfassen. Und da das Stück auch Prinz Charles und seinen Geburtstagsgästen gefallen sollte und zudem für den örtlichen Fiddle Club auf Orkney bestimmt war, halten wir eine human aussehende Partitur mit jeweils fünf Systemen in einer Akkolade in den Händen und finden gar vor jeder Zeile zwei Kreuze: D-Dur. Dies ist ebenso erfreulich wie nicht selbstverständlich: Der Rezensent wurde erst vor wenigen Jahren von einem Musik-Extremisten der harten Nono-Schule in Karlsruhe ("near Donaueschingen and other godforsaken places", wie das mein Mentor Sir Malcolm Arnold mal auf den Punkt brachte) ob eines Des-Dur-Dreiklangs in einer seiner Kompositionen gerügt: "Musik darf heute nicht mehr schön sein." - "Ach, und warum nicht?" entgegnete ich. - "Wir haben das Erlebnis Auschwitz hinter uns." - Dazu fällt mir nichts mehr ein. Gottseidank sind die 1960er Jahre lange vorbei, viele Schwinger der moralischen Keule Auschwitz tot, und das, was die übrig gebliebenen Alt-68er heute noch als "Neue Musik" ideologisch verbrämen, ist im Grunde ganz im Gegenteil "alte Musik", nämlich der nach Schulaula und WDR-Studio für elektronische Musik müffelnde kalte Kaffee der Kalten-Kriegs-Ära. Es ist übrigens kein Witz, dass in diesem Zusammenhang Komponisten wie Cage in den USA in Ermangelung eines Publikums maßgeblich von der CIA bezahlt wurden - man wollte den Russen nämlich zeigen, dass Fortschrittlichkeit im Westen möglich ist, auch in der Musik.
[Anm. der Redaktion: Diese Behauptung des Autors läßt sich vermutlich im Licht seriöser Forschung zumindest hinsichtlich von Cage nicht belegen; vgl. als ersten Einstieg in das Thema "Kultur im Kalten Krieg" diese wikipedia-Seite, wo z.B. zu lesen ist: "The CCF [=der von der CIA gegründete "Congress for Cultural Freedom"] also distanced itself from experimental musical avant-garde artists such as Milton Babbit and John Cage, preferring to focus on earlier European works..."]
Leider eine Sackgasse, denn die tonalen Schöpfungen eines Schostakowitsch finden sich heute noch auf den Spielplänen: Sie sind zeitlos, denn Komponisten wie Schostakowitsch schrieben humane Musik für Menschen, keine Elfenbeinturm-Abstraktionen, keine "graphischen Partituren" mit Logarithmentabellen im Anhang. Lassen wir also diesen ganzen Quatsch hinter uns, freuen wir uns, dass heute wieder normal komponiert werden darf und schauen wir nach Großbritannien: Viele britische Komponisten müssen allerdings hierzulande erst noch entdeckt werden. Maxwell Davies ist beileibe kein Unbekannter. Dass er aber für unsere Mitgliedsorchester spielbare Musik geschrieben hat (wie zuhauf auch Malcolm Arnold oder Howard Blake), wird sich rumsprechen, ja rumsprechen müssen, denn allein das vorliegende Stück "A Birthday Card for Prince Charles" macht nicht nur den Musizierenden Spaß, da es angenehm in den Fingern liegt (D-Dur ist nun mal eine streicherfreundliche Tonart), sondern auch den Zuhörern, die im Gigue-Takt die Füße werden mitwippen lassen. Es gibt ein paar kauzige Taktwechsel (5/8 statt 6/8), aber die sorgen für Übersicht, man weiß sofort, an welcher Stelle man ist, rauskommen ist nicht! Der drollige Fünfminüter spielt sich fast von selbst, man kann die Forte-Stellen getrost schäumen lassen, sollte als Dirigent aber aufpassen, dass die Piano-Stellen leicht federnd, hüpfend, tänzerisch daherkommen. Aufgeschlossene Streichorchester sollten damit keine Probleme haben. Der Rezensent empfiehlt das Werk uneingeschränkt sowohl kleinen als auch großen Streicherformationen und wird es wohl auch selber bald einmal dirigieren (JSK aufgepasst, die "Kaarst Night of the Proms" kommt bestimmt!). Die klingende Geburtstagskarte ist als Partitur mit Stimmen bei Schott erschienen, und an Ausgabe, Lesbarkeit und Übersicht gibt es nichts zu beanstanden. Wie heißt es (so ähnlich) beim jüngst verstorbenen Loriot: Ach wenn doch jeden Tag Geburtstag wäre! (Tobias van de Locht, 2/2011)

 

 

BEETHOVEN

Drei Stücke für die Flötenuhr – für Flöte, Englischhorn, Klarinette und Fagott arrangiert von Manfred Hoth

Düsseldorf 2007, Partitur und Stimmen 15,80 € (inklusive Versand)

Auch Beethoven, in dessen Nachlass sich eine Abschrift von Mozarts Orgel-Stück für eine Uhr (KV 608) fand, komponierte (1792 oder 1799) Werke für die "Flötenuhr" des Kunst- und Wachsfigurenkabinetts des Grafen Deym. Unter WoO 33 sind fünf Stücke überliefert, von denen hier drei (Adagio in F, Scherzo und Allegro in G) für Bläserquartett mit Englischhorn vorgelegt werden. Neben Bearbeitungen für Klavier oder Orgel (auch 4-händig) sind für den kammermusikalischen Gebrauch solche für Blockflötenquartett (Altemark), Bläserquintett (Vester), Klavierquintett [kl, fl, ob, cl, fg] (Beyer), Bläsernonett [fl, 2ob, 2cl, 2hr, 2fg] (Hess) und wahrscheinlich noch weitere angefertigt worden. Anlass für dieses Quartett-Arrangement war ein Kammermusikabend, zu dessen Abrundung noch ein Werk mit Englischhorn fehlte.
Da Beethoven das Adagio auf vier Systemen (drei im Violin- und das vierte im Bassschlüssel - wohl als Vorlage zur Anfertigung der Walzen?) notiert hat, liegt - auf den ersten Blick - eine Bearbeitung für Quartett nahe. Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail: Ohne instrumentenbedingte, sozusagen physiologische Begrenzung konnte der Komponist natürlich beliebig viele Töne übereinander setzen, denn auf einer Flötenuhrwalze bedeutet das ja lediglich, ein paar Stifte mehr zu montieren. So endet das Adagio dann auch mit einem satten, aus zwölf Tönen übereinander getürmten F-Dur-Akkord. Trotzdem, die grundsätzliche "Machart" dieses Satzes folgt mit Bass, Melodie und meist akkordisch geführten Mittelstimmen einem Schema, das sich auf ein Kammermusikensemble gut übertragen lässt. Beim Quartett mit Englischhorn freilich mit folgender Besonderheit: Beethoven schichtet über einem durchgehenden (Alberti-)Bass die anderthalb Takte umfassende Melodie im Quartabstand in den Takten 22, 23 und 24 übereinander, errichtet also einen sich ausweitenden Klangraum nach oben. Wegen der dreimal sequenzierten Melodie bietet es sich an, auch drei verschiedene Instrumente (hier Klarinette, Flöte und Englischhorn) mit diesen Einsätzen zu betrauen. Gleichzeitig soll die Bassfigur (eigentlich eine, pardon, typische Klarinettendudelstelle) vom Fagott und einem weiteren Instrument gespielt werden. Hierfür setzt der Bearbeiter erst das Englischhorn (T. 22 und 23) und dann die Klarinette (T. 24) ein. (Die Flöte hätte sich, wegen der tiefen Lage, nicht so gut geeignet.) Parallel spielt nun erst die Klarinette die anderthalbtaktige Melodie (T. 22 und 23) und dann die Flöte (T. 23 und 24), so dass ab T. 24 nur noch das Englischhorn übrig ist, jetzt aber - eine weitere Quarte nach oben - in gefährliche bis unmögliche Höhen hinauf müsste. Manfred Hoth hat seine Englischhornstimme hier mutig eine Oktave nach unten "geklappt" und so aus der Aufrichtung oder Ausweitung des Klangraumes quasi eine Verdichtung gemacht.
Insgesamt gilt: Dem Arrangeur ist eine erfreulich abwechslungsreiche Zuordnung der verschiedenen Melodie- und Begleitfigurenelement auf alle vier Instrumente gelungen, wobei das Fagott im Wesentlichen natürlich schon seine Bassfunktion zu erfüllen hat. Und dazu kommt das sorgfältig edierte, übersichtliche Notenbild nebst beigefügter Partitur - eine klare Empfehlung! (Zu beziehen beim Bearbeiter selbst. (Michael Knoch, 18.7.2011)

 

 

ANGELO SAVINELLI (ca. 1800-1870)

Quintetto (1821), hg. von Manfred Hoth

Düsseldorf 2009, Partitur und Stimmen (Flöte, Englischhorn, Fagott, Viola, Violoncello) 19,80 € (inklusive Versand)

Dieser besondere Fund sei allen Kammermusikenthusiasten empfohlen, die während eines Kammermusikwochenendes in einer der spärlichen "Verschnaufpausen" gar nicht pausieren wollen. Und dann in ungeplanter, kurioser Besetzung beisammenstehen und sich fragen, was denn mit Flöte, Englischhorn, Fagott, Viola und Violoncello wohl zu spielen sei... Voilà, Musik im Stile schönster italienischer Bel-Canto-Arien, Rossinis Serenaden (für zwei Violinen, Violoncello und Kontrabass bzw. in diversen Bearbeitungen) nicht unähnlich, harmonisch aber interessanter, weil abwechslungsreicher!
Angelo Savinelli war Fagottist, Gesangs- und Kompositionslehrer. In seinem dreisätzigen Quintetto (Adagio - Allegro, Tempo di marcia [Variationssatz!], Largo - Presto) kommt reihum jedes Instrument auch solistisch zur Geltung, wobei beide Bassinstrumente - Fagott und Violoncello - nicht etwa nur parallel geführt werden, sondern durchaus eigenständige Stimmen vortragen. Flöte, Viola und Fagott dürfen mit recht virtuosen Passagen besonders brillieren. So gesehen wird das etwa 15-minütige Werk in seiner aparten Besetzung sicherlich deutlich an Strahlkraft gewinnen, wenn es nicht nur wie eingangs beschrieben als Pausenfüller-prima-vista-Stück fungiert, sondern nach individuell sichtender und übender Vorbereitung erklingen darf.
Der Herausgeber, Manfred Hoth, schreibt: "Ich bin Englischhornist bei den Düsseldorfer Symphonikern und versuche immer wieder in Konzertprojekten relativ unbekannte Kammermusikliteratur vorzustellen. Die Noten sind quasi ein Nebenprodukt dieser Bemühungen." Ein "Nebenprodukt", das er allerdings (im Eigenverlag) äußerst sorgfältig ediert, was nicht nur an der zusätzlichen Violastimmen-Einzelseite zu erkennen ist, die das Blättern im Presto erleichtert, sondern beispielsweise auch an folgendem kleinen Detail: Die, wie in der Partitur zu sehen ist, vom Notensatzprogramm (Sibelius?) automatisch gesetzten Bindebögen - während das Intervall nach unten geht, strebt der Bogen, der sich am jeweiligen Ende der Notenhälse orientiert, leider kontraintuitiv nach oben - hat der Herausgeber in der Einzelstimme jeweils "von Hand" dem Noten- und Lesefluss angepasst (Violoncello, 3. Satz, T. 288 ff).
Weil wir bei unserem letzten Kammermusikwochenende leider kein Englischhorn dabei hatten, dafür aber ein (ebenfalls nach F transponierendes) Bassetthorn, haben wir das hübsche Quintett halt in dieser Besetzung gespielt - und das klang auch! (Michael Knoch 2/2011)

 

 

GIOACHINO ROSSINI

Andante e Tema con Variazioni per Flauto, Clarinetto, Corno e Fagotto

hg. von Philip Gossett, Bärenreiter, Kassel 2008, BA 10542, Partitur und Stimmen 19,95 €

Bläserquintett-Probe ist angesetzt und die Oboe sagt in letzter Minute ab? Kein Problem, da gibt's doch die Quartette von Rossini in der nun gefragten Besetzungen Flöte, Klarinette, Horn und Fagott. Vielen dürften sie aus dem Radio bekannt sein, wo sie freilich eher als sog. Streichersonaten in der Originalbesetzung (zwei Violinen, Violoncello und Kontrabass) zu hören sind. Von diesen beschwingten Stücken gibt es zwei Transkriptionen: eine vom Meister selbst gefertigte für Flöte, Violine, Viola und Violoncello und eine durch den Klarinettisten Frédéric Berr für unsere oboenlose Bläserbesetzung (bei Schott verlegt). Das sechste dieser Quartette scheint aber von Rossini (um 1812) original für diese Besetzung komponiert worden zu sein - das heute klassische Bläserquintett wurde erst kurz darauf von Reicha (und Danzi?) "erfunden".

Da es sich bei diesem etwa zehn Minuten dauernden Kammermusikwerk um ein "Thema mit Variationen" handelt, kommt jeder einmal ordentlich zum Zuge. Ob das dann so empfunden wird, wie es im Verlagswerbetext heißt: "Rossini gestaltet das Thema so geschickt, dass es zu jedem Instrument passt und dass alle vier Musiker das klangvolle Thema spielen dürfen" oder wie unser Klarinettist es ausdrückte: "Jeder muss reihum einmal vorturnen", ist vermutlich Geschmackssache bzw. dürfte vom technischen Können der Beteiligten abhängen. Besonders Fagott und Klarinette werden mit z.T. nicht ganz unvirtuosen Sechzehntelketten herausgefordert.
Als ich die Stimmen (nebst Partitur) im letzten Oktober von Bärenreiter zugeschickt bekam, wunderte ich mich darüber, dass - bei einem Werk in F-Dur - die Klarinettenstimme in C steht, und fragte beim Verlag nach, ob es nicht auch eine in B gäbe. Dies wurde erfreulicherweise sofort als Verbesserungsanregung aufgegriffen, so dass der Verlag bereits Ende Dezember eine Klarinettenstimme in B nachreichte und seither das Quartett mit beiden Klarinettenstimmen (in C, wie in der Partitur notiert, und in B) ausliefert.
Laut Vorwort ist das Stück früher einmal für die Besetzung Oboe, Klarinette, Horn und Fagott verlegt worden. Wenn die Oboe sich nicht scheut, bis zum g3 zu spielen, bietet das Quartett folglich auch eine Musiziergelegenheit für den Fall, dass die Flöte kurzfristig absagen muss... (April 2010, Michael Knoch)

 

 

ZDENEK FIBICH (1850-1900)

Poème aus der Idylle "Am Abend" op. 39 für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott 

Bearbeitung: Joachim Linckelmann, hg. von Wolfgang Birtel, Schott, Mainz 2008, ED 20344, 9,95 €

Stöbert man nach Notenmaterial von Zden?k Fibich, ist kein Vorbeikommen an seinem Opus 39. Dieses heute als "Poème" bekannte und beliebte Stück ist mittlerweile in allen erdenklichen Besetzungen, Bearbeitungen und Varianten erhältlich.
Bedenkt man, dass Fibich, der mit seinem reichen Oeuvre, das Kompositionen aus allen Gattungen enthält, zu Lebzeiten zum "mächtigen Häuflein" der tschechischen Komponisten gezählt, also mit Dvorak und Smetana in einem Atemzug genannt wurde, nun völlig in Vergessenheit geraten scheint und die einzige Erinnerung an ihn in einer kleinen Melodie, einer Miniatur, besteht, ist man geneigt, die Melancholie, die dieses Stück durchzieht, als eine von Fibich komponierte Trauermusik ob des Vergessens seiner Werke zu interpretieren.
Aber eigentlich war es ja ganz anders. Unter dem Titel "Stimmungen, Eindrücke und Erinnerungen" schuf er 1892-1898 einen Zyklus (op. 41) von 376 Klavierstücken, eine Art Klavier-Tagebuch über die große Liebe zu seiner Schülerin Anezka Schulzová. Die Nr. 139 war jene Miniatur "Lento", die - seit der Aufführung 1908 durch den Geiger Jan Kubelík - "Poème" genannt wird. Fibich selbst hatte sie in seiner letzten sinfonischen Dichtung "V podvec er " (In der Abenddämmerung) verarbeitet.
Nun ist sie, dank Joachim Linckelmann, auch als Fassung für Bläserquintett erhältlich. Es scheint momentan etwas in Mode zu sein, bekannte Melodien für Bläserquintett zu setzen. Nach Rubinstein nun Fibich, aber nichtsdestotrotz ist Linckelmann ein schönes Arrangement gelungen. Ein kleines, aber sehr feines und stimmungsvolles Werk, das sich mit seinen 24 Takten gut als letzte Konzert-Zugabe eignet, aber auch im Hausgebrauch ein angenehmes Repertoirestück werden kann.
Mir kam während der Erarbeitung des Poèmes mit unserem Quintett eine Spitzweg-Idylle in den Sinn: An einem lauschigen Sommerabend eine Bläsergruppe, die während der Abenddämmerung in einem verwilderten Gartens musiziert. In Fibichs Biographie blätternd erfuhr ich, dass er mit dieser Miniatur "die ruhigen Abende mit seiner Geliebten, die er oft im Kreise ihrer Familie verbrachte" musikalisch darstellen wollte.
Bleibt die Frage nach der von Linckelmann gewählten Tonart Des-Dur - also fünf, manchen Hausmusikanten erst einmal abschreckende Bs... Andere Bearbeitungen stehen in C-Dur, das Klavierstück op. 139 in B-Dur. Vermutlich hängt die Wahl der Tonart Des-Dur mit dem Tonumfang der Flöte zusammen, deren Klang so bis zum tiefen C ausgekostet wird. B-Dur läge für viele Flöten wiederum zu tief, weil's unters C auf der Querflöte nun mal nicht hinuntergeht, es sei denn, sie ist mit einem H-Fuß ausgestattet. D-Dur wäre durchaus eine gangbare und sicherlich leichter überschaubare Tonart gewesen, aber natürlich mit ganz anderem Charakter. So war es vermutlich die besondere Klangfarbe, die Linckelmann an Des-Dur reizte. Und im Tempo "lento" lassen sich fünf Bs auch von Hausmusikanten durchaus meistern.
Dasselbe Stück, weitere Arrangements im selben Verlag,: Für Klaviertrio, ED 20343 Für Streichtrio, ED 20342, beide 2007 hg. von Birthel (5.12.2009, Simone Sprenger & Michael Knoch)

 

 

IGNAZ PLEYEL (1757-1831)

Streichquintett für 2 Violinen, 2 Violen und Violoncello, Benton 272,

hg. von Tilman Sieber, Schott, Mainz 2008, ED 20117, 29,95 €

In seinem kurzen Vorwort informiert Herausgeber Tilman Sieber über die verschiedenen Entwicklungsstränge, die schließlich zur Entstehung des klassischen Streichquintetts in den 1770er und 1780er Jahren geführt haben. Dass Wien zum Zentrum der Gattungsgeschichte wurde, lag angesichts der Vorläufer (Spanien mit Boccherini und Brunetti bzw. Paris mit Cambini) keineswegs auf der Hand. Es war der Musiker, Komponist und Verleger Ignaz Pleyel, der nach Sieber den "stilgeschichtlichen Einschnitt für das Streichquintett" gestaltet hat: er schuf in der Auseinandersetzung mit Haydns Kammermusikstil nach seinem op. 33 das neue, thematisch durchgearbeitete Quintett. Darauf baute u.a. Mozart auf; mit Beethovens Quintetten endet dann die Gattung für zwei Violen im Wesentlichen, bis Brahms sie wieder zum Leben erweckte. Zurück zu Pleyel: Abgesehen von der 1. Geige haben die anderen Stimmen im Kopfsatz eher wenig zu tun, sieht man vom Themeneinsatz der Violen in T. 123ff in der Durchführung einmal ab. Das Andante grazioso im 2/4-Takt lebt von den Kopplungen der beiden Geigen oder der beiden Violen oder der Verknüpfung von Violine 1 mit Viola 1 (oder der beiden "Zweiten"). Pleyel experimentiert also mit den Möglichkeiten der Besetzung, zumal er auch die vier Oberstimmen über dem Cello unisono antreten lässt. Doch insgesamt ist es ein kurzer langsamer Satz (67 Takte); von Seelenlandschaften à la Mozart oder Schubert ist hier noch wenig zu ahnen...

Das Finale zeigt sich als 6/8tel-Presto mit motivischen Anklängen an den 1. Satz; der erste Teil verklingt perdendosi in B-Dur, bevor es nach dem Doppelstrich wuchtig im forte-unisono mit einem G-Dur-Akkord abwärts beginnt; der Satz lebt vom Tempo und von dynamischen Effekten. Das Thema taucht auch kurz in der Viola 1 auf, ansonsten liefern die vier Musiker die Begleitung zur ersten Geige.
Spieltechnisch ist das Quintett nicht so anspruchsvoll - es wandert nicht in hohe Lagen und ist von Haydns technischen Finessen weit entfernt. Freilich, wenn´s gut klingen soll, müssen alle schon ordentlich mitzählen und präzise da sein; da müsste man auch ein paar der Parallelstellen gründlich üben - das klappt aber bei uns Liebhabern ja leider nicht so häufig, wenn´s um "Kleinmeister" oder unbekannte Stücke geht. Eigentlich schade - denn dieser Pleyel hält, auch wenn das bisher hier Vorgebrachte zunächst einen anderen Eindruck erzeugt haben könnte, durchaus einige hörens- und spielenswerte Überraschungen bereit. (Rupert Plischke, Dez. 2009)

 

 

CYRIL SCOTT (1879-1970)

Little Folk-Dance, für Violine, Violoncello und Klavier, Partitur & Stimmen

Schott, Mainz 2009, ED 2182, 14,95 €

Über den englischen Komponisten, Schriftsteller, Dichter und Okkultisten(!) Cyril Scott informiert umfassend die Webseite seines Sohnes Desmond. Das 1931 entstandene, der Geigerin Grace Thynne gewidmete, kurze (fünfseitige) Klaviertrio, von dem hier ein Nachdruck vorliegt, ist wohl kaum das wichtigste der insgesamt 400 Werke des "englischen Grieg" bzw. "englischen Debussy" – so scheint es bspw. keine einzige Einspielung dieses Werks zu geben; es ist musikalisch angesiedelt irgendwo zwischen Ravel'schem Bolero und Martinu'scher Perkussionsrhythmik. (5.12.2009, Michael Knoch / Joachim Landkammer)

 

 

WOLFGANG AMADEUS MOZART

Serenade KV 361 (370a) Gran Partita, Urtext

hg. von Henrik Wiese, Henle, München 2005, Studien-Edition HN 9809, 14,00 €, dazu Stimmen HN 809, 45,00 €

Das Kompositionsjahr von Mozarts groß(artig)er Serenade für 13(!) Instrumente lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Detektivische Kleinarbeit bis hin zu Papieranalysen des Autographs lassen nur die Eingrenzung auf einen Zeitraum zwischen 1781 und dem 23. März 1784 zu. An diesem Tag fand laut Wiener Zeitung eine "Musikalische Akademie" statt, bei der vier der insgesamt sieben Sätze zur Aufführung kamen und über die anschließend berichtet wurde: "Hab' auch heut eine Musik gehört mit Blasinstrumenten, von Herrn Mozart, in vier Säzzen - herrlich und hehr! Sie bestand aus dreizehn Instrumenten, als vier Corni, zwei Oboi, zwei Fagotti, zwei Clarinetti, zwei Basset-Corni, ein Contre-Violon, und saß bei jedem Instrument ein Meister - o es tat eine Wirkung - herrlich und groß. trefflich und hehr!" (G. W. Steinfeld, alias Johann Friedrich Schink, zitiert im - übrigens beim Verlag herunterzuladenden -Vorwort ).
Die Neuausgabe stützt sich auf das Autograph, von dem es im Vorwort heißt, dass es "im 19. Jahrhundert so häufig wie kaum eine andere Handschrift Mozarts seine Besitzer wechselte". Zweifelhafte und fragliche Stellen des Autographs werden vom Herausgeber in den abschließenden "Bemerkungen" sorgfältig dokumentiert und erläutert. Vermisst haben wir in der Partitur ein Inhaltsverzeichnis, so dass einzelne Sätze rasch gezielt gefunden werden können. Dafür aber: Neben den originalen Hornstimmen in Es und B liegen gleich auch schon Stimmen in F bei, was wir als erfreuliche, weil aufführungsfreundliche Entwicklung sehr begrüßen.
Der Name Gran Partita, ursprünglich als Gattungsname auf dem Autograph von fremder Hand nachgetragen, setzte sich schließlich als Titel dieser größten Bläserserenade Mozarts durch. Und das nicht nur wegen ihrer großen Besetzung oder der Aufführungsdauer von nahezu einer Stunde, sondern sicherlich auch wegen ihrer großartigen, herrlichen Musik!
Noch drei ergänzende Bemerkungen zu anderen Aufführungsformen der Musik der Gran Partita: die Flöte, die bei der Bläserserenadenbesetzung ja leider nicht mitspielen darf, kennt immerhin das Tema con Variazioni aus Mozarts C-Dur-Flötenquartett - und vielleicht sogar in dessen ursprünglicher Version; die Sache ist allerdings kontrovers: H. Wiese schreibt im Vorwort zu den Flötenquartetten (HN 9635): "Stellt für die einen der Variationssatz des Quartetts die Urfassung zum Variationssatz der 'Gran Partita' (KV 361) dar, so halten andere diesen [Quartettsatz] für eine Bearbeitung durch einen unbekannten Zeitgenossen...". Streicher können die Musik der Gran Partita (mit Ausnahme des 4. Satzes) in den beiden Streichquintetten Nr. 1 und 2, KV Anh. 179 kennen lernen, wenngleich dies wohl eine Bearbeitung ist, die nicht auf Mozart selbst zurückgeht. Und für die klassische Besetzung von acht Bläsern, nämlich 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Hörner und 2 Fagotte, gibt es von den Sätzen 4 bis 6 der Gran Partita ebenfalls eine - wohl auch nicht von Mozart stammende - Bearbeitung: das Divertimento KV Anh. 182. (Michael Knoch, 30.7.2008)

 

 

WOLFGANG AMADEUS MOZART

Serenade Es-Dur KV 375 für Bläsersextett bzw. für Bläseroktett Urtext

hg. von Henrik Wiese, Henle, München 2005

Sextett: Studien-Edition HN 9795, 10,00 €, dazu Stimmen HN 795, 19,00 € bzw. Oktett: Studien-Edition HN 9796, 11,00 €, dazu Stimmen HN 796, 22,00 €
Vor uns liegen zwei Bläserserenaden in unterschiedlicher Besetzung (das Sextett mit zwei Klarinetten, zwei Hörnern und zwei Fagotten, das Oktett mit zusätzlich zwei Oboen), die beide unter derselben Köchelverzeichnis-Nummer 375 laufen. Das ist erst mal ein bisschen verwirrend, wird aber verständlich, wenn man die Entstehungsgeschichte von 1781 dazu betrachtet: Mozart hatte zunächst das Sextett in der Hoffnung komponiert, dass sein neues Werk auch von Johann Kilian Starck wahrgenommen werden würde, der für die Kammermusik bei Hofe verantwortlich war. Deshalb hatte er, wie er seinem Vater brieflich mitteilte, "sie auch ein wenig vernünftig geschrieben." Das Sextett wurde am 15. Oktober 1781, dem "Theresientag", tatsächlich mehrfach aufgeführt - ob es auch Anklang bei Hofe fand, ist uns nicht überliefert.
Als dann im April 1782 Joseph II eine kaiserliche Harmonie gründen ließ und plötzlich neue Kompositionen für Oktett gefragt waren, hat Mozart sein Sextett kurzerhand umgearbeitet, sprich um zwei Oboen erweitert. Gleichwohl heißt es im in beiden Ausgaben gleich lautenden Vorwort: "Beide Fassungen unterscheiden sich in so vielen Details, dass sie als eigenständig zu bezeichnen sind: auf eine Angleichung wurde daher verzichtet." Im Köchelverzeichnis findet sich übrigens die Anmerkung: "Ist durch Hinzufügung von 2 englischen Hörnern auch zehnstimmig gesetzt" (L. v. Sonnleithner). Dürfen wir da noch auf eine dritte Version der Bläserserenade KV 375 hoffen?
Zur vorliegenden Ausgabe ist eigentlich - neben dem Standardlob für den gewohnt guten Henleschen Notensatz - nur zweierlei anzumerken: Leider fehlt, um einzelne Sätze schneller auffinden zu können, in den Partituren jeweils ein Inhaltsverzeichnis - als Orientierungshilfe! Und: Dass neben den originalen Hornstimmen in Es gleich auch schon Stimmen in F beiliegen, darf als erfreuliche, weil aufführungsfreundliche Entwicklung begrüßt werden. (Michael Knoch, 30.7.2008)

 

 

 

 

WOLFGANG AMADEUS MOZART

Serenade Es-Dur KV 388 (384a) für Bläseroktett, Urtext

hg. von Henrik Wiese, Henle, München 2005, Studien-Edition HN 9797, 11,00 €, dazu Stimmen HN 797, 21,00 €

Die Anmerkungen im letzten Absatz der vorhergehenden Rezension (KV 375) gelten auch für dieses weitere bei Henle neu herausgegebene Mozart-Oktett (je zwei Oboen, Klarinetten, Hörner und Fagotte), zu dem im - hier beim Verlag herunterladbaren - Vorwort ein charakterisierender Hinweis zu finden ist: "Ich habe geschwind eine Nacht Musique machen müssen"... Diese Zeilen Mozarts an seinen Vater (in einem Brief vom 27.7.1782) geben einen Eindruck davon, wie der Alltag eines auf Aufträge angewiesenen Komponisten aussah. Mozart stand kurz vor seiner Hochzeit (4.8.1782), als er diese Harmoniemusik quasi aus dem Ärmel schüttelte. Mit höfisch-unverbindlichem Serenadenstil hat die "Nacht Musique" jedoch wenig zu tun; die düstere Tonart c-Moll eröffnet ein Werk voller Ernst und Tiefe, das zu den echten Hochkarätern der Bläserkammermusik gehört. - Wie sehr Mozart dieses Oktett schätzte, wird auch darin deutlich, dass er es später für Streichquintett KV 406 bearbeitete.
Lobend ergänzen möchten wir noch, dass vier der Stimmen jeweils mit einer Ausklapp-Seite gedruckt worden sind, so dass der erste Satz mit seiner Wiederholung tatsächlich ganz stressfrei - weil ohne (Rück-)Blätternotwendigkeit - gespielt werden kann. (Michael Knoch, 28.7.2008)

 

 

KURT NOACK (1895-1945)

Heinzelmännchens Wachtparade, op. 5 Arrangement für Holzbläserquintett von Joachim Linckelmann

hg. von Wolfgang Birtel, Edition Schott, Mainz 2007, ED 20107, Partitur und Stimmen 12,95 €

Von Kurt Noack scheint nur noch dieses eine Stück - ein sog. Charakterstück - bekannt zu sein, das er 1912 für Klavier komponierte und das seither zahlreiche Bearbeitungen für die unterschiedlichsten Besetzungen erfahren hat. Auch in die Wikipedia  fand es Eingang und dort schreibt jemand ganz treffend: "Die eher abwertende Beurteilung ... durch die zeitgenössische Musikpublizistik (trivial, seicht) hat der Popularität des Werkes bis heute in keiner Weise geschadet." Dem möchten wir lediglich den wunderbar sprechenden englischen Titel hinzufügen: "Flibbertigibbets". Der sagt doch eigentlich alles, oder?

Unserem Bläserquintett gefiel das Stück wie auch das neue Linckelmannsche Arrangement jedenfalls auf Anhieb und so wurde es auch sofort zum Vorspiel beim abschließenden Werkstatt-Konzert auserkoren. Ansonsten dürfte es sich bestens als kleine heitere Zugabe eignen.
Beim Notentext schien uns alles in Ordnung zu sein. Lediglich in der Klarinettestimme fehlen zu Beginn des Trios das abschließende Auflösungszeichen und das neue "b". Dafür hat sich in das erste Wort der letzten Vorwortzeile ein überflüssiges "b" hineingemogelt... Und, aber das nur am Rande, muss es nicht heißen "eine Valse" und "die ...Wachtparade"? (Michael Knoch, 15.1.2008)

 

 

FRANZ SCHUBERT

Variationen über "Trockne Blumen" D 802 für Flöte und Klavier,

hg. von Klaus Burmeister, Edition Peters, Frankfurt/M. 2005, EP 10994, 11,00 €

Schuberts einziges originales Kammermusikstück für Flöte, die Introduktion und Variationen über das Lied "Trockne Blumen" aus dem Liederzyklus "Die schöne Müllerin" - hat die nicht sowieso schon jeder Flötenspieler in seinem Notenschrank stehen? Klaus Burmeister gibt sie bei Peters neu heraus (und löst damit Werner Richters Ausgabe von 1968 ab). Aber seither erschienen allein in deutschen Verlagen mindestens vier andere Ausgaben desselben Werkes, die, laut Internet-Recherche, alle noch lieferbar sind und sich im Preis nur geringfügig unterscheiden (zwischen 9,90 und 12,00 €). Und da sie sich alle auf das Autograph der Stadt- und Landesbibliothek, Wien, bzw. die Neue Schubert-Ausgabe beziehen, dürfte sich der Notentext eigentlich nicht wesentlich unterscheiden. Wieso also diese Neu(her)ausgabe? Hat Peters gar etwas ganz Neues zu bieten?

Alle Herausgeber bringen einen mehr oder weniger ausführlichen kritischen Bericht sowie Vor- bzw. Nachworte, die sich inhaltlich nicht wesentlich unterscheiden, eher stilistisch. Burmeisters Vorwort ist immerhin recht ausführlich. Der Müllersche Gedichttext des zugrunde liegenden Liedes aber wird einem nur in der Bärenreiter-Ausgabe angeboten. Eigentlich schade, denn auch wenn Variationen über ein Lied im Charakter durchaus sehr anders daherkommen mögen, als das Lied selbst, gehört es doch wohl irgendwie dazu, sich auch mit Lied und Text zu befassen.
Eine Faksimile-Seite gewährt uns "Einblick in Schuberts Arbeitsweise, bei der auf eine rasche erste Niederschrift ein gründliches Überarbeiten folgte". Et voilà, wir nähern uns der Neuerung dieser Ausgabe bei Peters, die sie ein wenig von den anderen Ausgaben abhebt: Denn es gibt jene Variation V, komplett aus 64tel-Noten bestehend, die Schubert selbst annulliert und durch eine andere, immer noch sehr virtuose, aber gefälligere ersetzt hatte. Bisher hatte man sie, wenn überhaupt, als Anhang der Flötenstimme herausgegeben. Und zwar allein den Flötenpart, weil nur der, nicht aber der Klavierpart verändert worden sei. Burmeister liefert jetzt "die Erstfassung der Stimme für Variation V als Anhang mit, zusammen mit dem Klavierpart." Und weiter: "Eine praktische Realisierung wird dadurch erstmals möglich...", denn: "Für einige überleitende Passagen, in denen Flöte und Klavier nicht ganz harmonieren, hat der Herausgeber ossia-Vorschläge angeführt." Merkwürdig, dass Schubert hier nicht ganz harmonierende Takte komponiert haben soll. Drängt sich da nicht der Verdacht auf, dass der Klavierpart von Schubert doch auch noch verändert worden ist, nachdem er die zweite Fassung der Variation V geschrieben hatte? Darüber äußern sich die verschiedenen Herausgeber wie auch jetzt Burmeister leider nicht. Aufgrund des Notentextes könnte man vermuten, dass Schubert die Überleitungstakte des Klavierparts erst bei der Überarbeitung mit Vierundsechzigsteln versah, die er leicht verändert aus dem ursprünglichen Flötenpart übernahm. Ein Blick in das Autograph könnte das möglicherweise klären; schade, dass Burmeister dazu nichts schreibt, sondern lediglich seine Alternativ-Takte anbietet.
Jetzt liegen also mindestens fünf aktuell lieferbare Ausgaben dieses hochvirtuosen romantischen Flötenwerks vor. Nun ja, keiner der großen Notenverlage will es sich nehmen lassen, ebenfalls ein Stück dieser Meisterwerk-Torte abzubekommen... (Michael Knoch, 8.1.2008)

 

 

JOSEPH HAYDN

Frühe Streichquartette, Heft I

hg. von Georg Feder und Gottfried Greiner, Henle HN 9205 Köln 2006; Einzelstimmen 44,00 €, Studienpartitur 21,00 €

Die hier als Studienpartitur vorliegende Neuausgabe der kritischen Edition aus dem Jahr 1973 wird erneut vom renommierten Haydn- und v.a. Streichquartett-Experten Georg Feder betreut. Sie enthält die Quartettreihe op.1 die Werke Nr. 0, 1, 2, 3, 4, 6 sowie die Nummern 1, 2, 4, 6 aus op. 2 (alte Zählung aus den Reihen Hob. III und II). Für die herausgenommenen Quartette - weil sie "nur" Bearbeitungen anderer Werke oder aus fremder Feder stammten - ist das Es-Dur-Quartett op. 1, Nr. 0 aufgenommen. Dieses überaus reizvolle Werk lässt auf genussvolle Weise erahnen, wie zwanglos und geistreich der junge Haydn mit etwa 25 Jahren nach fürstlicher Einladung auf Schloss Weinzierl mit dem Schlussverwalter, Schlosspfarrer und dem Bruder von Johann Georg Albrechtsberger, dem Cellisten Anton, musizieren konnte. Denn das kurze fünfsätzige Werk enthält einen bei knappen Mitteln höchst effektsicher gestalteten Kopfsatz voll überschäumenden Esprits, sowie ein Menuett mit Thema im lombardischen Rhythmus, dem ein harmonisch interessantes Trio folgt. Das Adagio weist bereits jene innere Ruhe und sich breit verströmendes Melos auf, durch die sich viele spätere langsame Sätze Haydns auszeichnen. Nach einem zweiten Menuet/Trio erfolgt schließlich ein heiter-vergnügter Kehraus voller - zugegebenermaßen geigenlastiger - Spielfreude.
Aus der Sicht des Käufers wird nicht ganz klar, weshalb aus dieser Neuausgabe das lange Zeit Haydn zugeschriebene Quartett von Hoffstetter herausgefallen ist, da sich dieses vor allem wegen seines Andante cantabile doch einer nach wie vor erheblichen Popularität rühmen kann. Schade - aber aus Sicht der nüchternen Quellenkritiker wohl durchaus konsequent… (Rupert Plischke, 1/2008)

 

 

PYARELAL SHARMA (*1940)

Indian Summer. 8 enchanting pieces for string quartet.

Edition Schott ED 12924, London u.a. 2007; Einzelstimmen und Partitur, 19,95 €

In leicht hymnisch-esoterischem Tonfall wird Pyarelal Sharma von Herausgeberin Claudia Connolly als sehr bekannter Bollywood-Komponist gepriesen und gar als "Kinder der Göttin Sarasvati" (!) geehrt. Die Sammlung ist unter anderem als "einfache Einführung in die indische Musik" gedacht; die Rede ist auch von `der unverwechselbaren Farbe und der Atmosphäre des indischen Subkontinents´ - als wäre das reale Indien eine kulturell auch nur annähernd homogene Einheit. Entsprechend gibt die Herausgeberin auch gleich - ohne Einschränkungen oder Hinweise auf doch wohl auch mögliche andere Deutungen - offenbar wichtige Tipps zum richtigen "Gebrauch"; so schlägt man unter anderem "bei `Indian Summer´ den Takt mit den Füßen … und bekommt [Lust] zu tanzen". Nun ja.
Die acht kurzen Sätze zwischen 40 und 50 Takten bieten zunächst aus einer Art "Spätromantik für Anfänger" bekannte Klangfarben und z.B. von Dvorak her uns durchaus nicht fremd anwehende melodische Einfälle; dass sie wohl für Schüler geschrieben und gesetzt sind, mag die durchgehend einfachen Stimmen erklären. So könnte man auch die teils unisono geführten Geigen erklären - Frustration des zweiten Geigers gilt es ja besonders im jungen Ensemble zu verhindern. Die Tonartwechsel sind, von einer gewissen Exotik abgesehen, teils nicht recht motiviert, manche Einfülle besonders schlicht und dadurch unfreiwillig komisch (wie gegen Ende des ersten Sätzchens). Am interessantesten fallen wohl die stampfend-tänzerische Motorik des vierten Satzes sowie in klanglicher Hinsicht die ruhigen Verschiebungen in den "Reflections" aus; zudem sind hier auch die Stimmen gleichberechtigt nebeneinander gestellt und an der Musik beteiligt. So bleibt das weitgehend zwiespältige Urteil über die meiste pädagogische Musik auch hier gültig; verstärkt noch durch kuriose verlegerisch-editorische Laxheiten, die man von einem renommierten Haus wie Schott eigentlich nicht erwarten würde: was soll denn das unübliche dolcemente? Entweder steht doch dolce (aus dem Italienischen) oder das französische doucement…
Dass die beigelegte CD allenfalls eine Ahnung von der Musik vermittelt, da teils allzu lustlos über die Dynamik hinweggewalzt wird (wie in 3.) oder klanglich unbefriedigend gespielt ist (zu Beginn der CD), sei nur abschließend vermerkt. (Rupert Plischke, 1/2008)

 

 

V.A., Chanson de matin.

8 twentieth-century pieces arranged for string quartet,

hg. von John Kember, Edition Schott ED 12844, London u.a. 2006 und
V.A., Chanson de nuit. 8 twentieth-century pieces arranged for string quartet. ED 12765, hg. von John Kember, Edition Schott ED 122765, London u.a. 2006, Einzelstimmen und Partitur, jeweils 18,95 €

Die beiden schmalen Hefte enthalten jeweils acht mehr oder weniger bekannte kürzere Werke, die für Streichquartett bearbeitet worden sind. Die ausgewählten Komponisten bewegen sich durchaus mit Delius, Elgar, Fauré, Franck, Grieg, Holst im musikalischen Mainstream, während John Philipp Sousa oder Peter Warlock nicht unbedingt einem breiteren Publikum bekannt sein dürften.

Herausgeber Kember zeigt insofern Geschick, als die `Morgenlieder´ in ihrer Kürze leicht fasslich sind und so - auch vom Spieltechnischen her - junge Spieler sicher nicht überfordern. Zudem ist versucht worden, die Stimmen angemessen zu beteiligen, bzw. sie miteinander zu verbinden (etwa bei "Nimrod" von Elgar werden nacheinander gekoppelt: V1/Va, V1/V2, Va/Vc sowie erneut V1/Va. Neben dieser Übung des Zusammenspiels erfordert der häufige Rhythmuswechsel in Warlocks "Folk Song Prelude Nr. 2" erhöhte Aufmerksamkeit - leider nur über 20 (!) Takte. Die Nachtstücke beginnen mit ganz einfachen Stücken und sind ebenfalls in steigendem Schwierigkeitsgrad angeordnet.
Zu überlegen wäre freilich, ob man für eine solche Sammlung von Schülerquartetten nicht auch sinnvolle Spielanweisungen oder Kurzbiographien der Komponisten, knappe Informationen zu den Gattungen etc. hätte beifügen können. Das würde den Wert derartiger Sammlungen durchaus steigern - und die Bedeutung der Titel verständlich machen. (Rupert Plischke, 1/2008)

 

 

THEOBALD BOEHM (1794-1881)

Elégie As-Dur op. 47 für Flöte und Klavier, hg. von Nikolaus Delius

Schott, Mainz 2007, FTR 146, 9,95 €

Theobald Boehm war ja zunächst Flötist und - seinen Kompositionen nach zu urteilen - kein ganz schlechter, bevor er sich dann um die Erfindung und Entwicklung des Klappensystems der modernen Querflöte verdient machte. Mit ihr blieb sein Name verbunden. Ob ihm diese Bekanntheit bis auf den heutigen Tag auch mit seinen Kompositionen gelungen wäre? Die Elégie in As-Dur - seine letzte Komposition - lässt da jedenfalls Zweifel aufkommen. Ein einziges kleines hübsches Motiv ("Thema" wäre fast schon zu viel gesagt) und dann? Zu(?) viele Noten... gut gesetzte Noten, wohl gemerkt, ordentlich komponiert, durchaus effektvoll, und erfreulicherweise für Flöte und Klavier gleichermaßen interessant und herausfordernd, ohne zu virtuos zu werden - aber: passiert da irgendetwas? Der Herausgeber bezeichnet Boehms Kompositionen als solche, "die sich im Übrigen fast alle im Rahmen der damals beliebten virtuosen Divertissements, Airs variées, Variations brillantes bewegen. ... Erst heute beginnt man wieder, sich auch für den virtuosen Stil jener Epoche zu interessieren." Nebenbei bemerkt: Auch die Wikipedia führt als Werke Boehms lediglich seine beiden Bücher über den Flötenbau auf, aber keine einzige Komposition... Desgleichen im Brockhaus Riemann Musiklexikon 1989, während im Riemann 1916 immerhin noch erwähnt wurde, dass Boehm für sein Instrument auch komponiert hat.
Das 1880 bereits bei Schott erschienene Opus 47 war lange nur als Reprint erhältlich. Jetzt wurde es erneut herausgegeben, revidiert und in modernem, gut lesbarem Notensatz gedruckt. Auf dass Boehms letzte Komposition eine neue Chance erhalte. Flötistisches Können lässt sich mit ihr ohne Zweifel bestens üben und wirkungsvoll demonstrieren. (Michael Knoch, 7/2008)

 

 

ANTON RUBINSTEIN (1829 - 1894)

Melodie op. 3 Nr. 1  für Bläserquintett, Arrangement von Joachim Linckelmann,

hg. von Wolfgang Birthel, Schott, Mainz 2007, ED 20110, Partitur und Stimmen 12,95 €

1852 komponierte der 23-jährige Anton Rubinstein seine berühmt gewordene "Melodie in F". Und dieses kleine Klavierstück, dieses"Lied ohne Worte", sollte jenes (einzige?) Werk werden, mit dem er der Nachwelt in Erinnerung blieb. Der junge George Gershwin, der es an einem offenen Fenster hörte, soll, so schreibt der Herausgeber, von ihm so fasziniert gewesen sein, dass er beschloss, Musiker zu werden. Na immerhin!

Zahlreiche Arrangements hat das Klavierstück seither erfahren: Für Soloinstrument und Klavier, für Salonensemble oder gar Salonorchester - und nun auch für Bläserquintett. Die eingängige wiegende Melodie mit ihrem langsamen Auf und Ab wird reihum von allen fünf Instrumenten gespielt - jeder kommt mal dran - , während die jeweils vier anderen die Begleitakkorde locker hintupfen dürfen, meistens im off-beat. Durch dieses Wechselspiel der Bläserquintett-Klangfarben gewinnt die Melodie ein bisschen Abwechslung, was ihr gut tut, was aber einen gewissen Ermüdungseffekt, insbesondere bei ihrer dritten Wiederholung, trotzdem nicht ganz verhindern kann. Deshalb unser Fazit: Rubinsteins Melodie ist eine wunderbare dritte Zugabe, wenn das Publikum von seinem nicht-enden-wollenden, begeisterten Beifallsrausch endlich wieder auf den Teppich zurückgeholt werden muss. Oder, wenn wir statt des Ermüdungseffekts lieber die Freude an der Wiederholung und dem Wiedererkennen des Bekannten ins Feld führen, dann ist diese Quintett-Bearbeitung vielleicht auch ein gutes Bläserquintett-Anfängerstück. Also Literatur, die gut zu bewältigen ist und die den Spielern und dem Publikum Spaß macht, eben weil sie bekannt und eingängig ist. (Michael Knoch, 5/2008)


Kleiner Zusatz von Joachim Landkammer: Freilich geht aber bei allen Bearbeitungen dieses Stücks sein eigentlicher Witz verloren, denn das (einzig?) Interessante an dieser "Melodie in F" ist doch, wie sie für Klavier gesetzt ist: Die beiden Händen spielen abwechselnd jeweils nur zwei Noten der Melodie. Sie ist also eher eine geschickt gemachte und originelle Etüde für eine etwas komplexere pianistische Melodiegestaltung, weil man die Übergänge zwischen den sich abwechselnden Händen natürlich nicht als solche hören soll. Wenn die Melodie nun aber von vornherein einem einzigen Instrument anvertraut wird, geht dieser Einfall leider ganz verloren. Interessant dagegen wäre mal eine Transkription, die diese Idee aufgreift und die Melodie ebenfalls auf zwei verschiedene Instrumente verteilt, so ähnlich wie Weberns Bearbeitung des Ricercare aus Bachs Musikalischem Opfer! Die Spieler müssten sich dann sehr genau aufeinander einstellen, was immerhin wenigstens auch eine schöne "Etüde" wäre... (Joachim Landkammer, 6/2008)

 

 

V.A., Flötenmusik von Komponistinnen

13 Stücke für Flöte und Klavier

hg. von Elisabeth Weinzierl-Wächter und Barbara Heller, Schott, Mainz 2008, ED 9947, Partitur und Stimme 22,95 €

Ein Sammelband mit zwei Basso continuo-Sonaten und elf Werken für Querflöte und Klavier aus drei Jahrhunderten, alle komponiert von Frauen, die in 13 Kurzportraits mit Bild vorgestellt werden. Das 18. Jahrhundert ist mit zwei hübschen Sonaten von Anna Amalie von Preußen und Anna Bon di Venezia vertreten. Leider fehlt hier eine separate Stimme für den continuo-Bass. Es folgen herrliche romantische Stücke aus dem 19. Jahrhundert, deretwegen allein sich der Kauf dieser Sammlung schon lohnt (kompositorisch wie auch preislich): Cécile Chaminades Sérénade aux étoiles, Mel Bonis' Pièce op. 189, Lili Boulangers Nocturne - allesamt für Laienspieler(innen) mach- und dankbar. Und Leopoldine Blahetkas Variationen op. 39 sind reinste Gute-Laune-Musik. Aber dann: Germaine Tailleferres Forlane kommt harmlos in a-Moll daher, verwundert durch eine Art Rückung zu as-Moll. Das sind sieben "b" - letztlich auf der Flöte aber doch einfacher zu spielen, als man zunächst vermutet. Nun aber, scheinbar zurückgekehrt nach a-Moll, wimmelt es plötzlich im Klavierpart nur so von Vorzeichen - da finden sich zahllose Kreuze und bs im selben Akkord - dass die Finger zunächst nur desorientiert und ratlos auf der Klaviatur herumtasten, während die Flöte in schlichten, ruhigen Melodiebögen dahingleitet, als ginge dieser bitonale? / atonale? Tumult unter ihr sie gar nichts an... Diese kurze Schilderung unserer Erlebnisse beim ersten (und zweiten) Durchspielen möge genügen um anzudeuten, wie es uns dann mit den weiteren sechs Stücken des 20. Jahrhunderts ergangen ist, die wir deshalb berufeneren Musiker(inne)n ganz neidlos überlassen. Insgesamt ein empfehlenswerter Sammelband, der seinen moderaten Preis durchaus wert ist, selbst wenn es einem nicht gelingt, von den 13 Stücken alle gleichermaßen, sondern vielleicht nur die erwähnten sechs, zu würdigen. (Michael Knoch, 7/2008)

 

 

SIGISMUND NEUKOMM (1778 - 1858)

Quintett in B-dur, op. 8 für Klarinette oder Oboe, 2 Violinen, Viola und Violoncello

hg. von Kurt Meier, Amadeus, Winterthur/Schweiz 2002, BP 1190, Partitur und Stimmen 38,00 €

"Elève de Haydn" steht wie ein Gütesiegel auf dem Erstdruck-Titelblatt des Quintetts op. 8 für Klarinette oder Oboe und Streichquartett von Sigismund Neukomm. Das groß angelegte Werk mit dem Variationensatz über das russische Volkslied "Schöne Minka" war bislang nur in der Fassung mit Klarinette bekannt. Der Erstdruck-Stimmensatz enthält jedoch eine originale alternative Oboenstimme. Das durch seine kantable Melodik bestechende Werk avanciert dadurch zu einer hochwillkommenen Bereicherung des Kammermusikrepertoires für Oboe aus dieser Zeit. - Soweit aus dem Vorwort des Herausgebers.

Sigismund Ritter von Neukomm dürfte eine interessante Persönlichkeit gewesen sein, immerhin war er neben seiner musikalischen Tätigkeit als Korrepetitor, Komponist, Dirigent, Orgelvirtuose, Musiklehrer, Theoretiker und Kritiker ebenfalls - laut Wikipedia - als "Diplomat und möglicherweise auch Spion" tätig. In Salzburg geboren, erhielt er ersten Kompositionsunterricht bei Michael Haydn. 1797 zog er nach Wien, wo er sich naturwissenschaftlichen und medizinischen Studien widmete und wo Joseph Haydn sich seiner annahm. 1804 wurde er in Stockholm zum Mitglied der Kgl. Akademie ernannt, anschließend war er Kapellmeister in St. Petersburg und in der Folge auch in verschiedenen anderen Städten. Dabei setzte er sich vor allem für die Verbreitung der Werke Haydns und Mozarts ein. Ab 1810 lebte er dann (hauptsächlich) in Paris, wo er Bekanntschaft mit führenden Musikern wie Cherubini, Grétry und Gossec schloss. Umfassend gebildet, war er mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit befreundet, u.a. Mendelssohn, Moscheles und Talleyrand. Sein musikalisches Œuvre umfasst angeblich über 1300 Werke, darunter acht Sinfonien (möglicherweise interessantes Neuland für Liebhaberorchester?), ein Klavierkonzert und, kammermusikalisch: Streichquintette, Klavierquartette, ein 1802 komponiertes Quartett für vier Flöten, oder, ebenfalls bei Amadeus erschienen: L'Amoureux - Fantaisie für Flöte und Klavier.
Das hier vorliegende, bei Amadeus in gewohnt übersichtlicher und gut lesbarer Form gesetzte Quintett für Streichquartett und Klarinette (in B) oder Oboe haben wir - zum Kennenlernen - mit Streichern und Flöte gespielt. Die Bläserstimme liegt für die Flöte erwartungsgemäß etwas ungewohnt tief, lässt sich aber dennoch gut bewerkstelligen. Und die Streicherstimmen sind alle gleichermaßen am musikalischen Geschehen beteiligt und nicht nur begleitendes "Unterholz", wie das bei entsprechenden gemischten Besetzungen ja leider nicht selten der Fall ist. Das Stück insgesamt ist schönste klassische Musiziermusik, die gute Laune macht und für geübte Laien in allen Stimmen gut zu meistern ist (wenngleich verschiedene Variationen über die "Schöne Minka" besser vorher ein bisschen angeschaut werden sollten, weil sie manche Zweiunddreißigstel- und viele Sechzehntelketten enthalten). In der Tat: Auch wenn das Stück an einigen Stellen vielleicht ein bisschen lang, sagen wir: redundant geraten ist, wie manchmal (meistens?) bei den dann-doch-nicht-zum-Klassiker-gewordenen Komponisten... so ist es doch eine willkommene Bereicherung des klassischen Kammermusikrepertoires für das um ein Blasinstrument erweiterte Streichquartett, das man zur allgemeinen Ergötzung ruhig wieder aufs Pult legen darf! (Michael Knoch, 7/2008)

 

 

MAURICE RAVEL

Bolero, für Flöte und Klavier, leicht spielbar bearbeitet von Uwe Korn

Schott, Mainz 2008, ED 09821, Partitur und Stimme 3,95 €

Fast möchte man vorschlagen, diese Bearbeitung "Bolero light" zu nennen, weil der im Original 16 Minuten dauernde Ravelsche Hit hier deutlich verkürzt und sozusagen verharmlost wurde. Ganz leicht spielbar ist die Bearbeitung aber dennoch nicht unbedingt. Denn belassen im originalen C-Dur wird dem rechten Flötisten-Kleinfinger beim schnellen Wechsel von "es" über "des" zum "c" - alles in der tiefsten Lage - einiges abverlangt. Eine schlichte Transposition nach D-Dur und dieser Ohrwurm würde sich auf der Flöte um Vieles leichter spielen lassen... (Michael Knoch 7/2008)


 

 

WOLFGANG A. MOZART

Quintett für Klavier und Bläser Es-Dur KV 452

hg. von Wolf-Dieter Seiffert, Fingersatz der Klavierstimme von Klaus Schilde, Henle, München 2001, Studien-Edition (enthält auch KV 617) HN 9665, 14,00 €, dazu Stimmen HN 665, 20,00 €

"Ich habe zwei grosse Concerten geschrieben und dann ein Quintett, welches ausserordentlichen beyfall erhalten; - ich selbst halte es für das beste was ich noch in meinem leben geschrieben habe, - es besteht aus 1 oboe, 1 clarinetto, 1 corno, ein fagotto, und das Piano forte; Ich wollte wünschen, sie hätten es hören können! - und wie schön es aufgeführt wurde!" schreibt Mozart am 10. April 1784 an seinen Vater. Dieses Quintett, das später die KV-Nummer 452 zugewiesen bekam, war eine Novität, denn Mozart hatte es für eine bis dahin ungewöhnliche Zusammenstellung von Instrumenten komponiert. Leider blieb es sein einziges Werk für diese Besetzung. Aber Mozart schuf, ähnlich wie das später Schubert mit seinem Forellen-Quintett für eine ebenfalls neue kammermusikalische Instrumentenkombination tat, hier gleich ein Meisterwerk, an dem sich spätere Werke anderer Komponisten messen lassen mussten - und es folglich nicht leicht hatten.

Anlass für diese Rezension war die gemeinsame Neuherausgabe der Partitur zusammen mit der des Glasharmonika-Quintetts, KV 617. Wieso fasst Henle hier zwei Quintett-Partituren in einem Band zusammen, deren gemeinsamer Nenner einzig in der Oboe liegt, die in beiden Quintetten mitspielt? Vielleicht, weil man die Ausführung des Glasharmonika-Quintetts mit dem Klavier nahe legen möchte, was wir, nebenbei bemerkt, in unserer Besprechung im letzten Heft (1/2008) ja auch ausdrücklich befürwortet haben.
Henles Stimmenausgabe von KV 452 unterscheidet sich in folgenden Gesichtspunkten von den anderen, z.Zt. käuflich erhältlichen [Breitkopf & Härtel (1987), 16,50 €; Bärenreiter (2004), 16,95 €)]: Der Klavierpart umfasst mehr Seiten, nämlich 43, im Gegensatz zu 38 (Bärenreiter) oder gar nur 29 (Breitkopf & Härtel). Dadurch muss der Pianist zwar häufiger blättern, kann dies aber selbständig tun, da der Notentext so angeordnet ist, dass wenigstens eine Hand auch immer Zeit hat fürs Blättern. Die Bärenreiter-Ausgabe möchten wir an mindestens fünf Stellen als geradezu blätterunfreundlich bezeichnen, während wir bei der enger gedruckten Version von Breitkopf & Härtel immerhin nur zwei Blätter-Stress-Stellen fanden. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Henle wieder Klavierfingersätze bringt, worauf die anderen beiden Verlage verzichten. Sind aber Fingersätze notwendig oder sinnvoll? Ich habe mir dazu berichten lassen, der optimale Fingersatz sei von verschiedenen Faktoren abhängig, nämlich
- Anatomie der Hand, z.B. die Spannweite
- Grifftechnik - also gewohnte Bewegungsmuster wie Daumen auch mal auf schwarzen Tasten?     

Daumen selten oder häufig untersetzen?, Triller lieber mit 2/3 oder mit 1/3? u.ä.
- musikalischer Duktus - denn der Fingersatz beeinflusst die Artikulation, den musikalischen Effekt.

Diese kleine Aufzählung macht schon deutlich, worauf es beim Fingersatz ankommt, wenn er optimal sein soll: dass er nämlich ganz individuell gesucht und festgelegt werden muss. Sicherlich sind Fingersatzvorschläge sinnvoll fürs prima-vista-Durchspielen oder auch für Anfänger, damit sie überhaupt erst mal eine Orientierung bekommen. Aber Mozarts konzertant angelegtes Quintett KV 452 ist nun wahrlich kein Anfängerstück, am wenigsten für den Pianisten.
Diese kleine Mäkelei soll aber bitte niemanden davon abhalten, zur wieder bestens gestalteten Henle-Ausgabe zu greifen, um dieses wunderbare Werk erklingen zu lassen, zumal sie gegenüber der Ausgabe von Breitkopf & Härtel auch noch den (dritten) Unterschied aufweist, dass nämlich in der Klavierstimme (im ersten Satz) die Noten der rechten Hand nicht auf beide Notensysteme verteilt wurden. Das erforderte zwar ein paar Hilfslinien mehr, lässt sich aber leichter, nämlich intuitiver, lesen als das andere, zerrissen wirkende Notenbild, weil sich so insgesamt ein geschlossenes, auf einen Blick zu erfassendes Gesamtbild der Skalen und Akkorde ergibt.
Alle vier Bläser haben gleichermaßen Teil am melodischen Geschehen und an der thematischen Arbeit, so dass das Quintett als wunderbar ausbalancierte Kammermusik angesehen, wiewohl gelegentlich – wegen seines herrlichen Klavierparts – auch als ein verkapptes Klavierkonzert bezeichnet wird. (Michael Knoch, 7/2008)