BUCH-Rezensionen

 

SIEGBERT RAMPE, Carl Philipp Emanuel Bach und seine Zeit

Laaber 2014, Buch, 659 S. 44,80 Euro

 

Wer Ende des 18. Jahrhunderts von „Bach“ oder gar vom „großen Bach“ sprach, meinte Carl Philipp Emanuel Bach. Johann Sebastian, der Vater, war längst vergessen. Wer heute „Bach“ sagt, meint Johann Sebastian Bach, und wer dessen zweitgeborenen Sohn meint, muss „Carl Philipp Emanuel“, kürzer „Emanuel“ oder schlicht „CPE“ Bach sagen. Und bei der Lektüre dieser umfangreichen Biografie umdenken: Wenn auf den über 650 Seiten von „Bach“ die Rede ist, dann ist eben nicht der Vater gemeint, sondern der Sohn. Dessen Lebensweg versucht Siegbert Rampe zu rekonstruieren: Er führt von Weimar (Geburtsort) über Köthen und Leipzig (Kindheit und Jugend), Frankfurt an der Oder (Jura-Studium), Potsdam und Berlin (königlicher Hofcembalist) nach Hamburg (Nachfolger seines Patenonkels Telemann als städtischer Musikdirektor). Persönliche Dokumente scheinen eher rar zu sein, manches muss Vermutung bleiben, vieles wird aus den Zeitumständen erschlossen. Mit 17 Jahren sei Bach – nach neunjähriger Lehrzeit bei seinem Vater – fertig ausgebildeter Komponist gewesen, dessen erste Werke bereits seinen ganz eigenen Stil zeigen. Die Gegenüberstellung zweier konträrer Themen – der Ausgangspunkt für die „klassische Sonatenhauptsatzform“ – sei als „Erfindung“ Bachs anzusehen, der als Wegbereiter der klassischen Instrumentalmusik (Sonaten und Sinfonik) gelten darf, sozusagen als Pendant zum im selben Jahr, 1714, geborenen Gluck, dem Wegbereiter der Oper. Haydn, Mozart und Beethoven jedenfalls beriefen sich auf Bach als ihren „geistigen Vater“.

 

Siegbert Rampe (Cembalist, Organist und Pianist, Hochschuldozent und Lehrer, Begründer des Barockorchesters Nova Stravaganza) hat für dieses Handbuch akribisch Detail um Detail zusammengetragen und sie manchmal geradezu kriminalistisch kombiniert – alles in allem eine ungeheure, dissertations-, nein: habilitationverdächtige Fleißarbeit, deren Bibliographie allein schon 21 Seiten stark ist, wohlgemerkt nicht als Liste, sondern als durchlaufender Text im Klein(st)druck-Blocksatz mit durch markante Punkte voneinander getrennten Literaturangaben. Die Einleitung (70 Seiten lang) bildet eine „Chronik“, die – Jahr für Jahr – stichpunktartig darstellt: a) Bachs Leben, b) Geburts- und Sterbedaten kulturell oder wissenschaftlich bedeutender Personen, c) kulturelle und wissenschaftliche Ereignisse und d) das politische Geschehen – also ähnlich wie in Werner Steins „Großem Kulturfahrplan“. So etwas kann man unmöglich hintereinanderweg lesen. Also springe ich schon bald vor zur eigentlichen Biografie, die auf S. 85 beginnt, und sich im Prinzip gut lesen lässt.

 

Wünschenswert wäre (mal wieder) ein gründlich(er)es Lektorat gewesen, um vermeidbare Wiederholungen aufzuspüren und dem Autor Straffungen vorzuschlagen, denn irgendwann fühle ich mich dann doch für dumm verkauft, wenn ich zum x-ten Mal zu lesen bekomme, dass Bach hauptsächlich Dilettanten als Klavierschüler unterrichtet und für sie die über 150 Klaviersonaten (jeweils frisch!) komponiert habe. Desgleichen stolpere ich einfach nicht gern ständig über durchaus vermeidbare sprachliche „Unebenheiten“ oder gar orthographische (Tipp?-)Fehler – die Liste der von mir notierten Seitenzahlen ist (natürlich auch irgendwie passend zum Umfang des Buches) leider bedenklich lang geworden. Übrigens „Seitenzahlen“: die sind merkwürdigerweise in einer anderen Type und kursiv dargestellt, dafür aber erfreulich groß und dadurch bestens lesbar. Was von den zahlreichen eingeschobenen Zitaten leider nicht gesagt werden kann: Sie erfordern ein absolut scharfes Auge bzw. dann doch die nächst-stärkere Lesebrille... Und ob die Covergestaltung mit dem recht grob und vor allem rot kolorierten und vermutlich deutlich vergrößerten Kupferstich-Portrait Bachs (von Johann Heinrich Lips) der Absicht des Autors – neue Sympathie für Bach (und seine Musik) zu wecken – dienlich sein wird, muss leider bezweifelt werden.

 

Genug der Mäkeleien: Wer sich ausführlich über „den“ Bach informieren möchte, bekommt mit diesem Buch eine wirklich fundierte Arbeit, ja eine Fundgrube an wissenschaftlich aktuell aufbereiteten Details, die vom Autor zu einer umfassenden Biografie zusammengefügt worden sind, nebst über 20-seitigem Bildteil (schwarz-weiß), chronologischem Werkverzeichnis, Werkregister und Konkordanzlisten von Wq- und H-Nummern (Wotquenne und Helm). (Juli 2017, Michael Knoch)

 

 

RESTAGNO / BRAUNEISS / KAREDA / PÄRT, Arvo Pärt im Gespräch

Buch 169 S., Universal Edition, Wien 2010, 22,95 Euro

 

 

Der estnische, 1935 geborene Komponist Arvo Pärt ist nicht nur einer der erfolgreichsten und meist gespielten lebenden Komponisten, sondern – und das dürfte damit ursächlich zusammenhängen! - auch seit Jahren ein erklärter Liebling aller LaienmusikerInnen. Denn seine Partituren gehören zu der bekanntlich recht schmalen Gattung „Spielbare zeitgenössische Musik“; Stücke wie Tabula Rasa, Fratres oder Summa sind fast schon „Klassiker“ auf dem Programmzettel von Liebhaberorchesterkonzerten, der BDLO-Katalog führt fast 20 Kompositionen von ihm auf und jeder zweite Klavierschüler darf/muß irgendwann Für Alina spielen…

 

Grund genug, auf dieses Buch neugierig zu sein, das, obwohl schon sechs Jahren vorher erschienen, im November 2016 von der Marketing-Abteilung der Universal Edition (Pärts Haus-Verlag) als „Buchempfehlung für Weihnachten“ angepriesen wurde; das Vorwort klärt allerdings darüber auf, daß der Text tatsächlich sogar weitere sechs Jahre älter ist: der künstlerische Leiter des Festivals „Settembre Musica“ in Turin, Enzo Restagno, hatte bereits 2004 das Buch „Arvo Pärt allo specchio. Conversazioni, saggi e testimonianze“ herausgegeben, das damals nur die Hälfte des jetzigen Preises kostete und nun offenbar von Übersetzern ins Deutsche übertragen wurde, deren Namen man nicht erfährt. Daß man dem Buch eine gewisse Relevanz zutraut, geht daraus hervor, daß es seit 2012 auch auf englisch und französisch vorliegt, wobei diese Übersetzungen seltsamerweise aus dem Deutschen (und nicht aus dem italienischen Original) erfolgten. Man kann daher heute eine stellenweise eher kritische Rezension des englischen Musikwissenschaftlers Tim Rutherford-Johnson im Internet finden (http://tinyurl.com/kgentoh), die das Buch für „unausgewogen“ hält und ihm mangelnde kritische Distanz zum Thema vorwirft.

 

Das trifft vor allem für das lange Interview zu, das mit 90 Seiten einen Großteil des Buchs ausmacht, und eine 2003 in einem Bergdorf in den Dolomiten geführte mehrtätige Unterhaltung wiedergibt. Der damals 68 Jahre alte Arvo Pärt, wie immer in Begleitung seiner Frau Nora, sprach dort ausführlich über sein Leben und Werk mit Enzo Rostagno. Der italienische Musikwissenschaftler ist sehr viel mehr und will mehr sein als ein neutraler Interviewer, da er selbst in der Szene der Neuen Musik gut vernetzt ist und mit manchmal etwas geschwätzigem geisteswissenschaftlichen Hintergrund-Wissen aufwartet. Immerhin erfährt man durch das gemeinsame Geplauder einiges – manchmal sogar Neues – über Pärts Werdegang, von seinen frühen dodekaphonischen und durchaus avantgardistisch-experimentellen Anfängen bis zu den späten Werken, nach seinem Durchbruch 1976 zum wieder vollkommen tonal zentrierten, mit traditionellen Dreiklängen operierenden sog. Tintinnabuli-Stil, der zu Pärts unverkennbarem Markenzeichen geworden ist. Soweit man zu den Hintergründen dieser Entscheidung für einen radikalen musikalischen Reduktionismus überhaupt etwas sagen kann – es ist aufgrund der Tendenz zur mystisch-religiösen Verklärung, mit der Pärt selbst sie beschreibt und legitimiert, nicht sehr viel –, werden die einschlägigen Schlagworte zumindest alle genannt: Unschuld, Objektivität, Natur, Ordnung, Zeitlosigkeit, Wahrheit, Transzendenz. Für den lesenden Laienmusiker sind die sporadischen Andeutungen zu den Aufführungsbedingungen wichtiger, die klarmachen, daß das vom Notenbild her „Einfache“ nicht unbedingt auch einfach zu spielen ist, was man u.a. daran sieht, daß auch uraufführende Profi-Ensembles den hohen qualitativen Ansprüchen Pärts nicht immer gerecht geworden sind. Was Probenarbeit mit Pärt und an seinen Stücken heißen kann, zeigt aber der (auf Youtube verfügbare) Dokumentarfilm 24 Preludes for a Fugue von Dorian Supin aus dem Jahr 2002 am besten.

 

Der 50-seitige Aufsatz des Dozenten und Komponisten Leopold Brauneiss, der eine (inzwischen öfter nachgedruckte) Einführung in den Tintinnabuli-Stil gibt und den zweiten großen Teil des Buches bildet, erklärt mit Notenbeispielen die zugrundeliegende Satz-Technik und versucht sich auch in spekulativen Begründungen, in denen natürlich die bereits genannten allfälligen Schlagworte wieder auftauchen (Einheit, Objektivität, Wahrheit, Schicksal, Transzendenz usw.). Daß hier trotzdem auch viele musikwissenschaftlich grundierte Analyse-Ansätze versucht werden, unterscheidet diesen Text wohltuend von dem Kurz-Essay der estnischen Musikwissenschaftlerin Saale Kareda, deren Ausführungen zur wiedergewonnenen „Spiritualität“ und zur „Weltharmonie“ eher typisch sind für die intellektuelle Unterforderung, zu der Pärts Musik eben leider auch einlädt (es ist sicher kein Zufall, daß Pärt auch Mt 5,3 vertont hat: „Selig, die arm im Geiste“…). Der Band schließt mit zwei kurzen (sehr kurzen) Reden von Arvo Pärt selbst; bestimmten Ausschnitten daraus ist immerhin eine gewisse Programmheftzitierfähigkeit nicht abzusprechen („Ich war auf der Suche nach einem Klanginselchen. Auf der Suche nach einem ‚Ort‘ in meinem tiefsten Inneren, wo – sagen wir so – ein Dialog mit Gott entstehen konnte“, usw. usw.).

 

Abschließend kann man diesem mittlerweile 12 Jahre alten Buch sicher nicht jeden Nutzen für jemand, der sich über Pärt informieren möchte, absprechen, auch wenn es inzwischen neuere und profundere Publikationen gibt (etwa den von A. Shenton 2012 herausgegebenen „Cambridge Companion to Arvo Pärt“). Das Interview ist interessant, bleibt aber meist zu hagiographisch nah bei seinem Gegenstand und hat den Rez. v.a. durch das dauernde Mit- und Dazwischen-Reden von Nora Pärt irritiert. Es mag ja sein, daß sich hier ein in vollkommener inhaltlicher Harmonie denkendes Künstler-Ehepaar gebildet hat, dessen Reden immer als gemeinsame, vollgültige Künstler-Selbstoffenbarung zu verstehen ist. Aber daß Arvo Pärt auch durch diese ständig mitlaufende Gattinnen-Zweitstimme seiner selbst (her Master´s Tintinnabuli-voice?) seine künstlerische Individualität negieren will, ist, wie sein ganzer Stil, ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig. (Juli 2017, Joachim Landkammer)

 

 

MATTHIAS SCHMIDT, Johannes Brahms. Die Lieder. Ein musikalischer Werkführer
Beck-Verlag 2015, 128 Seiten mit zwei Abbildungen, 8,95 Euro


Solange Johannes Brahms (1833–1897) komponiert hat, hat er auch Lieder geschrieben und zwar sowohl für Solostimmen mit Begleitung als auch für Chöre[1]. Die vorliegende Abhandlung des Basler Musikwissenschaftlers Matthias Schmidt befasst sich mit den für eine oder mehrere Singstimmen geschriebenen Liedern. Die ersten Lieder verfasste Brahms 1852, den Abschluss seines Liedschaffens bilden die Vier ernsten Gesänge aus dem Jahr 1896. Der Komponist fasste häufig Gedichte verschiedener Autoren mit inhaltlich korrespondierenden Texten zusammen, ohne dass es sich dabei um Liederzyklen wie zum Beispiel bei Schubert handelte.

Das einleitende Kapitel enthält allgemeine Ausführungen. In den folgenden sieben Kapiteln stellt Schmidt einerseits das Liedschaffen von Johannes Brahms chronologisch dar, andererseits spricht er in jedem Kapitel ein Thema an, das ihm für die Vorstellung des Liedkomponisten Brahms wichtig erscheint. Bei diesen allgemeinen Ausführungen geht der Verfasser auf zeitgeschichtliche, biographische und musikgeschichtliche Hintergründe ein. So setzt er sich unter anderem mit der Frage auseinander, wie Brahms zur Romantik stand („Romantische Ironie“, S. 35 ff). Brahms schrieb seine Lieder ebenso für Aufführungen in Privathäusern und Salons wie für Konzertsäle („Brahms´ Stimmen“, S. 68 ff). Zeit Lebens, besonders aber in seiner Detmolder Zeit[2], hat Brahms sich mit Volksliedern beschäftigt, diese auch bearbeitet („Im Volkston“, S. 97 ff). Einzelne Lieder einer jeden Epoche werden genauer besprochen.

Damit ist das Buch ein geeignetes Nachschlagewerk, um sich über Lieder von Brahms zu informieren. Es gibt einen guten Einblick in sein Liederschaffen unter Beachtung der musik- und zeitgeschichtlichen Hintergründe. Im Anhang enthält das Buch ein Verzeichnis der Lieder sowie eine Zusammenstellung der Notenausgaben und ein Literaturverzeichnis. Leider fehlt ein Personenverzeichnis. Hilfreich wäre es auch, wenn in dem Liederverzeichnis die Seiten aufgeführt wären, auf denen näher auf die Lieder eingegangen wird.
Bettina Kern, 7/2017

[1]  Neunzig, Hans A., Johannes Brahms in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1973, S. 109.; [2] Geiringer, Karl, Johannes Brahms. Sein Leben und Schaffen, 1974, S. 284.

 

DOROTHEA REDEPENNING, Peter Tschaikowsky
Beck 2016, 128 Seiten, 8,95 Euro

 

Bei dem vorliegenden Werk der Heidelberger Musikwissenschaftlerin Dorothea Redepenning handelt es sich um eine Biographie, in der auch die bekanntesten Werke Peter Tschaikowskys (1840–1893) beschrieben werden. Die Autorin unterteilt das Leben in einzelne Abschnitte, die sie in fünf Kapiteln darstellt. Die in diesen Lebensabschnitten geschaffenen Werke werden erwähnt; soweit sie heute noch bekannt sind und gespielt werden, werden sie auch genauer beschrieben. Ein abschließendes Kapitel ist Aspekten der Rezeption gewidmet.
Nach seiner juristischen Ausbildung arbeitete Tschaikowsky von 1859 bis 1863 im Justizministerium, begann aber bereits 1861 ein Musikstudium, das er 1865 abschloss. Durch seine Ausbildung am Konservatorium stand er im Gegensatz zu einer Gruppe von Komponisten, die sich um eine russische Musiksprache bemühte und eine akademische Ausbildung ablehnte. Er selber zählte sich nicht zu den „Westlern“, sondern sah sich als russischen Komponisten.
Mit seinem Wechsel als Professor an die Dependance der russischen Musikgesellschaft in Moskau, aus der später das Konservatorium hervorging, vertiefte er die Kluft zu den Petersburger Komponisten der neuen russischen Schule. In dieser Zeit verlief das Leben Tschaikowskys relativ regelmäßig. Er unterrichtete, und – während der Ferien – reiste er und komponierte Werke unterschiedlicher Gattungen.
Mehrfach verweist die Autorin darauf, daß Tschaikowsky unter seiner Homosexualität litt. Er suchte nach einer Lösung, um gesellschaftliche Probleme zu vermeiden. Einen Ausweg sah er in einer Eheschließung, zu der er sich auch seiner Familie gegenüber verpflichtet fühlte. Die Gelegenheit ergab sich, als eine Konservatoriumsschülerin sich in ihn verliebte. Die 1877 geschlossene Ehe verlief unglücklich; die Eheleute lebten getrennt.
Kurz vor der Eheschließung begann Tschaikowskys intensiver Briefwechsel mit Nadeshda von Meck, der vierzehn Jahre dauerte. Sie unterstütze ihn auch finanziell, so dass er seine Stellung am Konservatorium aufgeben konnte. Im Sommer hielt er sich jetzt in der Ukraine auf den Gütern von Freunden und Verwandten auf; im Winter bereiste er Südeuropa. In dieser Zeit entstanden unter anderem die Oper Eugen Onegin, das Violinkonzert, das in Rom komponierte Capriccio Italien sowie die Opern Jungfrau von Orleans und Mazeppa. Tschaikowsky hat Zeit Lebens Werke auf Grund staatlicher Aufträge geschrieben. Dazu gehören Kantaten oder Ouvertüren, die für einen bestimmten Anlass geschrieben wurden, genauso wie seine letzten Bühnenwerke Dornröschen, Pique Dame, Nußknacker und Jolanta. Obwohl er 1885 ein Haus in Klin, an der Bahnstrecke Moskau – Petersburg, miete, reiste er weiterhin sehr viel. Seine Werke setzten sich jetzt auch außerhalb Russlands durch. Er war international als Dirigent seiner Werke gefragt. Als die finanzielle Unterstützung Frau von Mecks sowie der Briefwechsel 1890 abbrachen, war Tschaikoswky auf die Geldzahlungen nicht mehr angewiesen, da er Einnahmen aus seinen Werken sowie eine staatliche Pension erhielt. Auch nach seiner Niederlassung in Klin komponierte er viel. Sein letztes Werk ist die im August 1893 uraufgeführte Symphonie pathétique. Am 25. Oktober 1893 starb Tschaikowsky in Petersburg an der Cholera.
In einem abschließenden Kapitel geht die Autorin kurz auf die Rezeption, vor allem in Deutschland und Russland ein. Tschaikowsky stieß wegen seiner pathetischen Sprache seit Hanslick in der deutschen Musikwissenschaft häufig auf Ablehnung. In Russland hatte man nach der Oktoberrevolution zunächst kein Interesse an dem zarentreuen Komponisten. Das änderte sich, als er unter Stalin als nationaler Künstler angesehen wurde. 2015 wurde der 175. Geburtstag des Komponisten in Russland offiziell gefeiert.
Die gut lesbare Biographie gibt einen Überblick über das Leben von Tschaikowsky.
Der Anhang enthält eine kurze Bibliographie sowie ein Personenverzeichnis. Leider fehlt ein Werkverzeichnis.

Bettina Kern, 7/2017

 

MICAHEL WERSIN, Am Anfang war der Dreiklang – Eine Harmonielehre mit Hörbeispielen, 128 Seiten, CD als Beilage

Carus und Reclam, Stuttgart 2016, 19,95 Euro



Die Absicht des Verfassers war es, mit diesem Buch kein weiteres Lehrbuch zur Dreiklangsharmonik vorzulegen, sondern ein „Harmonielehre-Lesebuch“, in dem gezeigt werden soll „was gute Musik stets will – nicht bloß ‚Genussmittel‘, sondern weit darüber hinaus auch kunstvoll gefertigte Analogie existentieller […] Aspekte der menschlichen Lebenswirklichkeit sein.“ Mit Hilfe einer chronologisch angeordneten, sorgfältigen Auswahl von wenigen aussagekräftiger Beispielen aus 350 Jahren „Dreiklangsmusik“ gelingt es dem Autor, jeweils exemplarisch zu zeigen, wie die kompositorische Arbeit mit dem „Grundmaterial Dreiklang“ sich im Laufe der Musikgeschichte verändert.

Das ist richtig spannend zu lesen – mir hat die Lektüre Freude gemacht. Das Buch richtet sich laut Einführung an interessierte Musikliebhaber und Musikausübende, auch an Laien (z.B. Chorsänger oder Instrumentalisten), die zu einem „besseren Verständnis harmonischer und satztechnischer Zusammenhänge […] gelangen möchten“. Wer allerdings Gewinn aus der Lektüre schlagen möchte, muss einiges an grundlegendem Vorwissen mitbringen – etwa über Tonleitern, Intervalle, Tonalität usw., kurz über das, was man Allgemeine Musiklehre zu nennen pflegt –, um auch einen solchen Satz, wie den folgenden verstehen zu können, in dem es um die Deutung eines b-Moll-Akkords in einem bestimmten Zusammenhang geht (hier „das b-Moll“ genannt, weshalb der Akkord mit „es“ angesprochen wird): „Deuten wir es streng aus seinem harmonischen Zusammenhang heraus, dann ist es als Paralleltonart verwandt mit Des-Dur und gehört, setzen wir es in Beziehung zur Grundtonart Es-Dur des Menuetts, in den Bereich der Subdominante – es ist gewissermaßen die ‚Mollparallele der Subdominante der Subdominante‘ von Es-Dur, oder anders gesagt: die Mollparallele von Des-Dur, welches Subdominante von As-Dur ist, das seinerseits wiederum die Subdominante von Es-Dur ist.“ Alles klar? So einen Satz muss man erst mal zustande bekommen! (Bilde einen sinnvollen Satz, in dem fünfmal das Wort Subdominante vorkommt!). Aber keine Angst, das ist die Ausnahme – in der Regel formuliert der Verfasser klar und verständlich – und auch der eben zitierte Satz ist völlig korrekt und im Zusammenhang nicht anders möglich.

Das Buch zeigt an trefflich ausgewählten Notenbeispielen von Schein, Lasso, Bach, Haydn, Schumann, Wagner und Debussy, wie sich die Dreiklangsharmonik zusehends „verkompliziert“ und schließlich mit Liszt, Wagner und Reger kurz vor ihrem „Zerfall“ steht. Als Beispiel dafür wird das Tristan-Vorspiel angeführt, das in a-Moll steht, ohne dass der zentrale Bezugsklang a-Moll auch nur einmal vorkommt. Die Diagnose: Die Bindung an ein tonales Zentrum, die Tonika, löst sich auf. „Ausbruchsversuche“ aus dieser „Krise“ gab es viele – der radikalste erfolgte von Schönberg mit seiner Entwicklung der Dodekaphonie. Am Beispiel Debussy zeigt der Verfasser dessen kompositorische Arbeit mit Pentatonik- und Ganzton-Reihen, aus denen auch das vertikale Klangmaterial gewonnen wurde: so entsteht eine Musik, die neue klangliche Tore aufschließt und die alten Pfade einer Dur-Moll-Tonalität hinter sich lässt.

Irritiert hat mich der Titel des Buches. Welcher Anfang ist gemeint? Man denkt ja unwillkürlich an den Anfang der Musik – und schon stimmt der Satz nicht, denn der Dreiklang ist eine recht späte „Erfindung“ der abendländischen Musik, keineswegs eine Selbstverständlichkeit – eher eine kulturelle Leistung. Wersin weist in seinem Kapitel über Debussy selbst darauf hin, dass in anderen Kulturen – etwa in Asien – ganz andere Skalen als Grundlage der Musik vorhanden sind, aus denen sich logischerweise dann auch nicht „unsere“ Dreiklänge destillieren lassen. Und auch der Untertitel stimmt eigentlich nicht – der Verfasser widerspricht ihm schon in der Einführung, indem er darauf abhebt, dass sein Buch „mehr ein Lesebuch […] als ein Arbeitsmittel“ sein möchte. Und tatsächlich ist ja auch eine vorausgehende Beschäftigung mit den theoretischen Grundlagen der Harmonielehre empfehlenswert, um die subtilen Feinheiten verstehen zu können, die Wersin kompetent und geduldig ausbreitet – die Grundlagen kann man nach seinem Buch nicht lernen, eben weil es dazu auch einiger Einübung in die Materie bedarf. Aber „Übungen hält dieses Buch gar nicht bereit.“

Leider enthält der Band einige sachliche Fehler, etwa falsche Hinweise auf Taktzahlen, fehlerhafte Intervallbenennungen, sogar einen Rechtschreibfehler (muskalisch) in der Überschrift auf S. 83, die ein beherzter Lektor (der Beruf scheint ausgestorben zu sein) hätte ausmerzen können. Kleinigkeiten, gewiss – aber doch ärgerlich.

Eine beigelegte CD mit 99 Tonbeispielen, in der Hauptsache vom Klavier gespielte kurze Akkorde oder kleine Klangverläufe zur Illustrierung der Notenbeispiele, aber auch Einspielungen der besprochenen Stücke, komplettiert das insgesamt empfehlenswerte „Harmonielehre-Lesebuch“, dessen Preis mir ebenfalls angemessen scheint.

Michael Goldbach, 2017

 

EVA GESINE BAUR, Mozart-ABC

Beck 2016, 160 Seiten mit 26 zweifarbigen kalligraphischen Abbildungen und handschriftlichen Kapitelüberschriften von Chris Campe, gebunden, 10 Euro

 

Pünktlich zu Mozarts Geburtstag trudelt am 27.1. ein Büchlein (Oktavheftgröße, 160 Seiten, in einer Art hellblauem Leineneinband mit gelbem Lesebändchen) bei mir ein: „Mozart-ABC“. Noch ein Mozart-Buch, denke ich, braucht's das? „Kleine Einblicke ins Alltagsleben des großen Mozart“, lese ich auf dem Buchrücken. Na gut. Im Begleitbrief steht: „Alles Wesentliche über Mozart wurde erforscht, sagt Eva Gesine Baur. Daher hat sie sich hier dem Unwesentlichen gewidmet. Weil es bei Mozart für jeden Bereich Spezialisten gibt, für Mozarts Konstitution, [...] für die verwendeten Tinten und Notenpapiere, für sämtliche Verschwörungstheorien und Zauberflöten-Deutungen, füllt die Mozart-Literatur Bibliotheken. Doch [...] fühlte sich die Autorin ermutigt, Mozarts Leidenschaften in ein ABC zu verpacken – liebevoll gestaltet mit handschriftlichen Überschriften und sechsundzwanzig kalligrafischen Zeichnungen von Chris Campe.“ Ok, welche Überschriften, was wird behandelt? Eine Auswahl: „Bücherwurm, Doppelkinn, Flötenhasser“ (ach ja, erneut und immer wieder?), „Haushund, Intrigen, Nationalstolz, Unanständig, Zauberer“. Unwillkürlich fange ich an zu lesen. Und zu schmunzeln. Oder die Stirne kraus zu ziehen. Baurs Texte lesen sich gut. Und die Geschichten sind gut. Sie handeln natürlich von Wolfgang Amadé – im Kapitel „Amadeus“ geht Baur der Frage nach, woher eigentlich das „...deus“ kommt. Aber auch vom Vater Leopold, dem es nicht gelang, auch seinen Enkel zu einem Wunderkind heranzuziehen. Und der Gattin Constanze, die – entgegen dem ihr (schon zu Lebzeiten?) anhaftenden ganz anders lautenden Image – wohl doch eine durchaus tüchtige Haus- und Geschäftsfrau war. Sowie zahlreichen anderen Persönlichkeiten um Mozart und von Begebenheiten seiner Zeit, oder auch, was daraus gemacht worden ist (um ganze Bibliotheken zu füllen...). Immer mal wieder nahm ich das Büchlein zur Hand, und, kurzweilig wie es ist, war es dann viel zu schnell zuende – eine klare Lese- und Geschenkempfehlung! (Juni 2016, Michael Knoch)

 

HANS-JOACHIM HINRICHSEN, Franz Schubert

Beck-Verlag, München 2011, 128 Seiten mit 2 Karten, 8,95 Euro

 

In der Reihe „Wissen“ des Beck-Verlages hat der aus Berlin stammende und in Zürich lehrende Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen 2011 ein Werk mit dem Titel „Franz Schubert“ vorgelegt. Es handelt sich dabei nicht um eine Biographie im herkömmlichen Sinne. Dem Autor kommt es nicht darauf an, das an äußeren Ereignissen nicht sehr reiche Leben Schuberts zu beschreiben. Es ist ihm wichtiger, den musikalischen Werdegang des Komponisten darzustellen, dessen Werke in ihrem räumlichen und zeitlichen Umfeld zu sehen und auf die Einflüsse von Zeitgenossen einzugehen. Folgerichtig berichtet Hinrichsen im ersten Kapitel über den Lebenskreis, in dem Schubert in Wien lebte und wirkte. In den folgenden Kapiteln wird die musikalische Entwicklung Schuberts vorgestellt, wobei der Verfasser einerseits chronologisch vorgeht, andererseits auf die Entwicklung innerhalb einzelner Gattungen, wie z. B. der Symphonie eingeht. Dabei erläutert er Schuberts Behandlung der Sonatenform genauso wie stilistische Besonderheiten seiner Opern. Einzelne Werke wie die „Unvollendete Symphonie“ und die große C-Dur-Symphonie werden genauer analysiert. Interessant sind die Ausführungen über Schuberts Beziehungen zu seinen Verlegern. Abschließend stellt Hinrichsen die Schubert-Rezeption dar. Wie in dieser Reihe üblich enthält das Buch ein Literatur- und ein Personenverzeichnis. Auf den Umschlagseiten sind innen Karten von Wien (Innere Stadt und Vorstädte) abgedruckt. Wer etwas über die Musik Schuberts erfahren will, wird in diesem Werk fündig werden, weniger ist es geeignet, um biographische Daten kennenzulernen. (Juni 2016, Bettina Kern)

 

GOTTFRIED VEIT, Was man als Fagottist wissen sollte

Verlag Obermayer, Buchloe 2015, 37 Seiten, 7,90 Euro

Auch die neueste Folge der Reihe „Aus der Praxis – für die Praxis“ muss ich leider als eine weitere Verwandte der bereits in den Liebhaberorchester-Heften 2/2007 und 1/2010 von mir bemühten Morgenstern'schen Muhme Kunkel betrachten, die bekanntlich gar nicht erst ins Licht der Öffentlichkeit gezogen werden soll. Zwar strotzt diese Fagott-Ausgabe nicht gar so vor Unsinnigkeiten und Fehlern, wie jene Flöten-Schwester, aber wieder stellt sich die Frage: An wen richtet sich dieses Büchelchen eigentlich? Es besteht aus einigen meist zu kleinen Bildern, auf denen fast nichts zu erkennen ist, und zwölf Kapiteln von jeweils etwa anderthalb (Din A5-)Textseiten nebst einem auch diesmal fast nur Textpassagen der nachfolgenden Kapitel vorwegnehmenden Vorwort des Verfassers, so dass der Leser sich wieder für dumm verkauft vorkommt, auf so engem Raum dieselben Aussagen gleich zwei Mal serviert zu bekommen. Nichts gegen Kürze und Knappheit – im Gegenteil... und deshalb sei mir erlaubt, zusammenfassend den Autor selbst zu bemühen mit einem Satz aus seinem Kapitel „Die Vorfahren des Fagotts, Das Rankett“, mit dem er gleich auch die Zukunft seines neusten Machwerks beschrieben haben dürfte: „Obwohl dieses Instrument sehr handlich war, hatte es nur ein kurzes Dasein.“ Denn auch dieses zehnte Exemplar der Reihe lohnt wiederum weder die Anschaffung noch die Zeit seiner Lektüre, weshalb man es sich ganz einfach sparen kann. (Juni 2016, Michael Knoch)

 

Bücher zum Schumann-Jahr 2010 – eine Sammelrezension von Michael Goldbach

Es lässt sich wohl nicht umgehen: zu ihren runden Geburts- oder Todestagen wird den Heroen unserer Kultur in besonderem Maße gehuldigt. Mich beschleicht da immer ein kleines Unbehagen... ist es nur das Jubiläum, das Interesse weckt, hätte einer sonst sein Buch nicht geschrieben (oder, umgekehrt gefragt, hätte ein Verlag sonst nicht angefragt?), ruht das Objekt der momentanen Verehrung im übrigen eher im Vergessenen...? Nun, bei Robert Schumann, dessen 200-sten Geburtstag wir am 8. Juni 2010 feiern können, scheinen mir diese Bedenken nicht angebracht – er ist eine konstante Größe sowohl bei den Pianisten als auch im Orchester- und Kammermusikbereich. Allerdings gibt es gerade bei ihm noch manches seiner Werke zu entdecken – dazu mag ein solches Jubiläumsjahr vielleicht sogar Anlass geben. Hier seien einige Neuerscheinungen bzw. Neuauflagen vorgestellt.

ROBERT SCHUMANN, Schriften über Musik und Musiker

ausgewählt und herausgegeben von Josef Häusler, Stuttgart 1982, 2009, Reclam. 7 €

Ein kleines Bändchen legt Reclam erneut auf, das Schriften Schumanns versammelt, die allesamt zeigen, welch kraftvolle schriftstellerische Fähigkeiten ihm neben seinem musikalischen Genie ebenfalls eignen. Man darf wohl ohne Übertreibung sagen, dass bei Schumann eine musikalisch-literarische Doppelbegabung vorliegt, bei der beide Künste auf vergleichbarer Ebene nebeneinander bestehen können.

Wir finden chronologisch geordnet über einen Zeitraum von 1831-1853 in bunter Mischung Ausschnitte aus den Büchern der Davidsbündler, Werkbesprechungen, "Schwärmbriefe", Aphorismen, Berichte von Konzerten oder über das Musikleben in Weimar. Schumann bezieht klar Stellung: "Hut ab, ihr Herren, ein Genie" heißt es im ersten hier veröffentlichten Text, in dem Schumann seine Begegnung mit der Musik Chopins schildert, und noch in einem seiner letzten Texte "Neue Bahnen" erkennt er hellsichtig die Bedeutung des jungen Johannes Brahms': "Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten." Mit äußerster Hochachtung spricht er auch von Beethoven und Schubert. Meyerbeer mag er nicht – in einer Besprechung der Oper "Die Hugenotten" findet er deutliche Worte: "Mit welchem Widerwillen uns das Ganze erfüllte, dass wir nur immer abzuwehren hatten, kann ich gar nicht sagen; man wurde schlaff und müde vom Ärger... Meyerbeers äußerlichste Tendenz, höchste Nichtoriginalität und Stillosigkeit sind so bekannt wie sein Talent, geschickt zu appretieren, glänzend zu machen, dramatisch zu behandeln..."
Vielfach ist auch von Komponisten die Rede, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind: Wer kann mit den Namen Hiller, Herz, Döhler, Marschner, Dreyschock, Schunke, Henselt, Thalberg oder Kalkbrenner noch eine Musikvorstellung verbinden? Aber gerade die Texte Schumanns über diese Zeitgenossen zeigen, mit welchen Werken er sich auseinandersetzte und öffnen so den Blick auf das kompositorische Umfeld, in dem das schumannsche und mendelssohnsche Werk entstand. Schumann schreibt anschaulich in einer "wie selbstverständlich fließenden" Ausdrucksweise. Wer also neben dem Komponisten auch den Musikschriftsteller näher kennen lernen möchte, erhält mit dieser wohlüberlegten Zusammenstellung einen guten Überblick über dessen schriftstellerisches Werk. Anmerkungen, ein informatives Nachwort und ein Personenregister ergänzen dieses empfehlenswerte und zu einem günstigen Preis zu erwerbende Bändchen aufs beste. (April 2010, Michael Goldbach)

 

DAGMAR HOFFMANN-AXTHELM

Robert Schumann – Eine musikalisch-psychologische Studie

Reclam, Stuttgart 2010, 9,95 €

Schumann verbrachte seine letzten beiden Lebensjahre in der Irrenanstalt Endenich bei Bonn, wo er im Alter von 46 Jahren starb. Er litt unter paranoiden Zuständen mit nächtelangen akustischen und visuellen Halluzinationen. Zur Vermeidung von psychischen Erregungszuständen wurde er dort von Angehörigen und Freunden weitgehend isoliert. Um die Belastungen und Widersprüche, denen sich Schumann in seinem Leben ausgesetzt sah, und die ihn letztlich in die geistige Umnachtung stürzten, geht es in diesem Buch wie auch um die Frage, wie sich die Lebensproblematik Schumanns in seinen musikalischen Werken zeigt. Die Autorin, gleichermaßen als Musikwissenschaftlerin wie auch als Psychotherapeutin ausgewiesen, versucht "aufgrund eines komplexeren Wissens um psychische Gesetzmäßigkeiten Schumann während einiger seiner Lebensstationen ein paar Schritte weiter in die Welt seiner späten Einsamkeit zu folgen, als dies damals wohl möglich war", womit sie die letztlich hilflosen und vergeblichen Versuche anspricht, Schumann in Endenich zu helfen. Wesentlich steht dabei ein Element im Mittelpunkt "das nicht nur Schumanns Charakter prägte, sondern auch ein bestimmendes Element seiner Musik ist: der Umgang mit dem Widersprüchlichen, der Ambivalenz, einem Phänomen, das in seinem Charakter als ein zunächst integriertes, später auseinaderstrebendes und schließlich zerbrechendes Element erscheint." (S. 12)
Das erste Kapitel beschäftigt sich unter dem Titel "Ambivalenz als Ausdruck früher Prägung" mit den Eltern Schumanns und seiner Beziehung zu ihnen. Dabei stellt die Autorin den Umstand heraus, dass Schumann im Alter von drei Jahren wegen einer Erkrankung der Mutter für zweieinhalb Jahre in eine Pflegefamilie gegeben wurde, woraus sie folgert: "Schumanns Melancholie, die Zustände von Versteinerung und innerer Abwesenheit deuten auf das viel zu früh eingetretene Trauma der Trennung". Man muss dieser Deutung nicht folgen, Schumann selbst beschreibt diesen Aufenthalt Jahre später als positiv ("leicht verflossen mir die Wochen"), aber alle Reaktionen und Verhaltensmuster, die die Autorin zusammenträgt, lassen ihre Darstellung mehr als plausibel erscheinen, zumal sie als praktizierende Psychotherapeutin vergleichbare Schicksale kennen dürfte.
Ein weiteres Kapitel "Das Paar" hat die Ehe von Clara und Robert Schumann zum Inhalt. Hier gelingen der Autorin einfühlsame Porträts der Eltern, der Eheleute Robert und Clara wie auch von Claras Vater Friedrich Wieck. Sie erklärt und zeigt auf, wie ein Verhalten aus einem anderen entstehen kann, wie ein Leben vorgeprägt wird, wie man letztlich seinem "Schicksal" nicht entrinnt... Detailliert und nachvollziehbar schildert sie Schumanns Weg in die zunehmende Isolation, die für ihn in die Katastrophe des Selbstmordversuchs mündet. Sein Sprung in den Rhein zeige, dass die Abwehrkräfte aufgezehrt waren, die ihm lange Jahre ermöglicht hatten, "in früher Kindheit erfahrene, später verdrängte Ängste und Anforderungen von dem zu trennen, was die Außenwelt realistischerweise von ihm erwartete."
In einem dritten Teil "Musik und ‚Wahres Selbst'" überschrieben, beschreibt die Autorin Musik als Medium für Schumann, "in Kontakt zu kommen mit seinem Selbst in all seiner Widersprüchlichkeit." Worüber er nicht reden konnte oder wollte, darüber sprach er in seiner Musik. In den beiden letzten Kapiteln folgen Ausführungen zum Lied "Zwielicht" aus dem Liederkreis und zum Violinkonzert, und es wird Schumanns schwerer Weg bis zum – wahrlich "bitteren" – Ende dargestellt.
Diese kenntnisreiche und einfühlsame psychoanalytische Studie basiert auf einem 1994 erstmals erschienenen Artikel, den die Autorin für diese Buchausgabe (197 Seiten) vollständig neu überarbeitet und auf den neuesten Stand der Forschung gebracht hat.
Tilmann Moser hat unter dem Titel "Mit Kompetenz und Andacht" eine Nachwort beigesteuert, das die Frage stellt "Wie verrückt muss, wie verrückt darf man sein, von der außergewöhnlichen Begabung abgesehen, um Musik wie Robert Schumann zu schreiben?" (April 2010, Michael Goldbach)

 

MARTIN DEMMLER

Robert Schumann. "Ich hab im Traum geweinet". Eine Biografie

Reclam, Leipzig 2006, 9,80 €

Der Musikwissenschaftler Demmler, dem wir auch das wunderbare Buch "Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts" verdanken (Stuttgart 1999, Reclam), schreitet in seiner Biografie in acht chronologisch geordneten und nach Wohnorten benannten Kapiteln das Leben Schumanns ab, wobei er die Lebensschilderung immer wieder durch Werkbesprechungen unterbricht. Der erste Satz des Vorworts zeigt schon in nuce den Bogen seiner Darstellung: "Das Leben Robert Schumanns ist die Geschichte eines grandiosen Scheiterns." Diesem Scheitern geht der Autor nach und fragt: "Was hat dazu geführt, dass Schumann bereits von seinem fünfunddreißigsten Lebensjahr an von einer schöpferischen Krise in die nächste stürzte?" Das geistige Universum Schumanns auszuloten, "sein wechselvolles Schicksal aufzuzeigen, dazu soll dieses Buch beitragen." Durch ausgewählte Werkbeschreibungen, Briefzitate oder Tagebuchausschnitte lässt der Autor die Schumannsche Fantasie- und Gedankenwelt lebendig werden. Der Leser begleitet mit Freude und Bangen, mit Verständnis und ungläubigem Staunen, schließlich mit großer Trauer diesen schwankenden Kurs zwischen Erfolg und Versagen, Schaffensrausch und Krise, Abhängigkeit und Selbstbehauptung... Ein Werkverzeichnis und einige überlegt ausgewählte Bilder komplettieren die Biografie. (April 2010, Michael Goldbach)

Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang noch auf einige weitere Bücher zum Thema:

  1. auf den wunderbaren "Schumann-Roman" von Peter Härtling, in dem der Autor die letzten zwei Jahre Schumanns in der Klinik aus der Perspektive des Pflegers schildert; hineinverwoben in diese Schilderung sind die wichtigsten Stationen des Schumannschen Lebens und Werks. PETER HÄRTLING, Schumanns Schatten, KiWi-Verlag, Köln 1996, 15 €

  2. auf die Biographie über Clara Schumann von Eva Weissweiler, die den Lebensweg des "Traumpaares der Romantik" Clara und Robert als Katastrophenweg schildert. EVA WEISSWEILER, Clara Schumann. Eine Biografie, dtv, Hamburg 1990, 11 €

  3. MARTIN DEMMLER, Robert Schumann und die musikalische Romantik, Artemis Winkler-Verlag, 12,90 €

  4. MARTIN GECK, Robert Schumann – Mensch und Musiker der Romantik, Siedler-Verlag, 22,95 €

  5. WOLFGANG BOETTICHER, Robert Schumann – Leben und Werk, Heinrichshofen 2003, 128 €

  6. Das Schumann-Hörbuch – Autorin: Corinna Hesse; Sprecher: Dietmar Mues und Anne Moll, Silberfuchs-Verlag, 1 CD, 80 Min., 24 €

(Michael Goldbach)

 

WIELAND ULRICHS & GUNTER SOKOLOWSKY

Orchester-Ratgeber für Einsteiger

peermusic, Hamburg 2006, 117 S., 9,95 €

Wieland Ulrichs (Gründer und Leiter des Laienorchesters Die Späteinsteiger Göttingen) und Gunter Sokolowsky (Geigenlehrer und Betreuer der Streicher bei den Späteinsteigern) haben aus diversen Merkblättern und Checklisten, die im Laufe der Jahre in der eigenen Orchesterarbeit entstanden sind und sich als nützlich erwiesen haben, ein Büchlein zusammengestellt, das es nun wahrlich in sich hat. Gespickt mit Tipps (und auch Tricks, z.B. "Mogeln! spontanes und geplantes"...) lässt es kaum eine Frage offen, von denen Orchesterneulinge bekanntlich viele haben. Aber auch frisch gebackene Orchesterintendanten dürften von den 117 Seiten geballter Information profitieren. Alles ist nachschlagetechnisch mit zahlreichen Symbolen, Querverweisen, Fettdruck-Hervorhebungen bestens gegliedert und lädt ein zum gänzlich unsystematischen Kreuz- und Querlesen, ganz entsprechend der Komplexität eines veritablen Orchesterapparates und seines Managements. Nur die Qualität der zur Auflockerung eingestreuten Fotos lässt manchmal zu wünschen übrig: Zu oft sind es nur mäßig scharfe Proben- und Konzert-Schnappschüsse. Da liegt für zahlreiche sehr wünschenswerte weitere Auflagen Verbesserungspotenzial. Ansonsten brauche ich zu meiner uneingeschränkten Empfehlung diese Büchleins für alle, die sich neu aufs Mitspielen in einem Liebhaberorchester einlassen wollen (und auch für alle alten Hasen, die sich vergegenwärtigen möchten, womit wir es Woche um Woche alles zu tun haben) eigentlich gar nichts weiter anzuführen, als diese beiden Zitate:

"In einer Zeit, in der praktisch jede Art von Musik auf Tonträgern abgespielt oder per Computer erzeugt werden kann, darf trotzdem auf 'echte' Orchester als Bereicherung des kulturellen Lebens keinesfalls – auch nicht aus Kostengründen – verzichtet werden. Leibhaftige Musiker auf der Bühne und auch der Spaß, dabei selbst mit zuspielen: Beides ist Risiko und Reiz zugleich."(S. 72, am Ende des Kapitels Musikgeschichte)

Und auf S. 81: "Die Zeitschrift 'Das Liebhaberorchester' ist ein unterhaltsames Verbandsblatt."

Wir bedanken uns und stellen fest: Dieses Buch ist ein unterhaltsamer und informativer Ratgeber. (5.12.2009, Michael Knoch)

 

THOMAS BREZINKA

Orchestermanagement. Ein Leitfaden für die Praxis

Bosse, Kassel 2005, 166 S., 14,95 €

Im Kontrast zum Orchester-Ratgeber für Einsteiger (s.o.) ist dies eine eindeutig auf professionelle Orchester und deren Management ausgerichtete textreiche Abhandlung, in der das Kapitel "Nichtprofessionelle Orchester" gerade mal acht Zeilen (und eine weitere ganze Seite über Jugendorchester) umfasst, deren Inhalt dann allerdings auch noch korrekturbedürftig ist. Denn Sinfonische Blasorchester, Gitarren- und Zitherensembles, Zupforchester, Akkordeonorchester und Big Bands sowie Flöten- und Saxophon-Orchester oder Steeldrum-Bands werden ja gar nicht, wie dort behauptet, primär im BDLO zusammengefasst, sondern allenfalls in der BDO, der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (der Dachorganisation der instrumentalen Laienmusik in Deutschland). Trotzdem wird als Anzahl der "nichtprofessionellen Orchester von zum Teil hohem Niveau" lediglich die Zahl der dem BDLO angeschlossenen Orchester angegeben (2005 waren das "mehr als 500"). Laut BDO-Webseite hätten da folgende Zahlen stehen müssen: In der Bundesvereinigung sind zehn Bundesverbände mit rund 1,6 Millionen Menschen organisiert, die sich für insgesamt 23.000 Orchester engagieren.
Wie gut oder schlecht andere Fakten recherchiert worden sind, habe ich nicht nachgeprüft, werde aber skeptisch, wenn ich die 2006 erschienene Rezension von Gerald Mertens in "Das Orchester" zu Rate ziehe. Dort werden, aus der Sicht des Profiorchester-Bereichs, ebenfalls einige Mängel festgestellt, und konstatiert, das Buch könne dem Anfänger einen ersten Überblick verschaffen, sei aber noch nicht "der große Wurf im Sinne eines Standardwerks." Das scheint auch heute, vier Jahre später, immer noch so zu sein. (5.12.2009, Michael Knoch)

 

MICHAEL STECHER

Die Musikkunde neu denken, Eine Musiklehre für die Oberstufe. Intervall- und Tonsystem, Wahrnehmen, Üben und Lernen, Intonationskunde, Stilkunde und Vortragslehre

De Haske, Eschbach 2009, 432 Seiten, 44,95 € (inclusive 2 CDs)

Nun ist das zwar ein Buch, das sich in erster Linie an Schüler und Studenten wendet, die sich auf musiktheoretische Prüfungen vorbereiten; das heißt aber keineswegs, dass es nicht auch von uns Laienmusikern mit Gewinn (und ohne Prüfungsstress) gelesen werden kann. Wer sich tiefer in die oben angegebenen Punkte einarbeiten will, kann hier differenziert, fundiert und ausführlich Auskunft bekommen. Der vorliegende Band versteht sich überdies als Fortsetzung der beiden Bände "Musiklehre, Rhythmik, Gehörbildung", die vom selben Autor bereits erschienen sind. Auf 432 Seiten (der Autor benutzt zur Durchstrukturierung seiner Kapitel eine etwas eigenwillige, wenn auch durchaus praktikable Seitenmarkierung mit mehreren aufeinander bezogene Ziffern, die allerdings so klein geraten sind, dass man fast eine Lupe braucht, um sich zu orientieren) ist genug Raum, um in konsequent aufeinander aufbauenden Schritten die Welt der Musiktheorie auszubreiten.
Schauen wir mal rein und greifen ein paar Kapitel heraus: – Intervall- und Tonsysteme, aufgeteilt in sieben Hauptkapitel, diese wiederum jeweils weiter untergliedert. Das 4. Hauptkapitel heißt: "Tonsysteme des Mittelalters" und besitzt elf Unterkapitel. Klar und verständlich gelingt hier die Erklärung des Hexachordsystems mit den beiden unterschiedlichen b-Tönen (b-molle und b-durum), deutlich die Darstellung der Kirchentonarten, die eben im 5. und 6. Modus (lydisch und mixolydisch) nicht unser heutiges h (b-durum) in ihrer Tonreihe besitzen, sondern das b-molle als Material verwenden.
- Stilkunde und Vortragslehre, aufgeteilt in acht Hauptkapitel (z.B. "Über das Verlernen des Hörens", "Das Hören spaltet sich vom Denken ab", "Die Musik als Klangrede"). Das 7. Kapitel heißt: "Der musikalische Vortrag" und ist in sechs Unterkapitel aufgeteilt. Unter 4/7/1 "Der musikalisch Vortrag im Wandel der Zeit – Das dialogische Prinzip verschwindet" heißt es: "Unsere heutige Bildung zur Musik steht im Zeichen einer Musiktradition, die sich vor ungefähr 150 Jahren herausgebildet hat. Besonders deutlich spürt man dies am Fundament der Instrumentalausbildung. Wir legen das Hauptaugenmerk auf die bloße Spielfertigkeit und die reine Instrumentaltechnik, das heißt, wir betreiben mehr Ausbildung auf den Instrumenten als Bildung zur Musik." Da liegt der Finger in der Wunde!
Dieses Beispiel und die weiteren Hinweise mögen zeigen, wie breit gefächert dieses Lehrbuch daherkommt. Wer wäre nicht gut beraten, sich das Kapitel über "Drei Stufen zu einer angemessenen Intonation" genauer anzusehen. Oder das Kapitel über "Wahrnehmen, Üben und Lernen", dessen Untergliederungstitel deutlich zeigen, wie weit der Autor ausgreift: "Die biologisch verankerten Motivationssystemen", "Das Lernen von Mensch zu Mensch", "Die Triebstärke und die Reizstärke", "Die Freude an gekonnten Fertigkeiten", "Die Plagen und Widrigkeiten des heutigen Bildungs- und Erziehungswesens", "Die Raffgier und das Versagen der Eliten", "Das Erfahren von flow"...
Die beiden beigegebenen CDs liefern die nötigen Hörbeispiele, etwa zur Erläuterung der Stimmsysteme verschiedene Quinten, unterschiedliche Dreiklänge usw.; das ist eine sinnvolle Beigabe, denn wo hat man die Möglichkeit, Dreiklänge in mitteltöniger, Kirnberger- oder gleichschwebender Stimmung nebeneinander zu hören? Ein zwanzigseitiges Stichwortverzeichnis, ein Literaturverzeichnis und ein Verzeichnis der Hörbeispiele sowie einige Seiten "Übungs- und Verständnisfragen" ("Worin bemisst sich der Wert der funktionalen Musik?", "Was ist das tragende Gerüst der Musik zwischen 1600 und 1800?", ...) komplettieren den Band.
Ein sehr empfehlenswertes Buch, das sich grundlegend von vielen Standard-Musiklehren unterscheidet, das seinen Preis wert ist und dessen Untertitel "Eine Musiklehre für die Oberstufe" nicht abschrecken sollte. Ein Buch, das, wie es in der Empfehlung des Verlags sehr richtig heißt: "die Sachthemen um wichtige Aspekte, wie das Verstehen von Zusammenhängen innerhalb der Musiktheorie sowie der Vernetzung mit anderen Forschungsebenen – so z.B. der Biologie, Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Ethik" erweitert. Ein Buch, das "den Leser vom reinen Wissen zu einem tieferen Verständnis führen und zum Nachdenken über den Umgang mit Musik und Kultur in der Gegenwart anregen" soll. (Dezember 2009, Michael Goldbach)

 

LUTZ JÄNCKE

Macht Musik schlau? – Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie

Huber, Bern 2008, 453 S., 29,95 €

Der viel besprochene und oft zitierte sog. Mozart-Effekt (Das Anhören von Mozart-Musik macht schlau!) konnte wissenschaftlich leider nicht bestätigt werden und muss wohl einfach ad acta gelegt werden. Auch die in der Presse teilweise sehr großzügig interpretierten, geradezu hochgejubelten Ergebnisse der sog. Bastian-Studie (Zusätzlicher Musikunterricht in der Grundschule macht schlau!) scheinen in dieser Simplifizierung einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten zu können. – Macht Musik also doch nicht schlau?
Dies ist eine Frage, die sich nicht einfach mit ja oder nein beantworten lässt. Der Autor, laut Vorwort einer der Forscher der ersten Stunde auf dem Gebiet der Musik-Neurowissenschaft, der sich seit Beginn der 1990er-Jahre mit dieser Thematik befasst und seit 2002 Ordinarius für Neuropsychologie an der Universität Zürich ist, führt uns in die Welt wissenschaftlicher Forschungsarbeiten ein. Er stellt eine Reihe von Studien vor, die mit der Rezeption von Musik zu tun haben oder mit dem Erlernen eines Instruments, mit der Wechselwirkung von Musik und hirnphysiologischen Prozessen, mit Reaktionszeiten, Gedächtnisleistungen, motorischen und sprachlichen Fähigkeiten u.v.a.m. Einerseits erfolgt Jänckes Einführung in diese (den meisten von uns vermutlich eher ferne) Welt wissenschaftlicher Studien auf behutsame, genau erklärende und damit sehr gut nachvollziehbare Art und Weise. Andererseits enthält der Text leider zahlreiche (orthographische und grammatikalische) Fehler, was bei ansonsten so wissenschaftlich präziser Darstellung irritiert. Und was gewisse musikalische Sachverhalte angeht, hätte man ihm einen musikalisch versierten Lektor (gibt es heute überhaupt noch Lektoren?) gewünscht, dem aufgefallen wäre, wo der Autor Geigensteg und -griffbrett verwechselt (S. 150) oder wo ein Schema zur typischen Orchesteraufstellung (S. 167) überhaupt nicht heutiger (zumindest mir bekannter) Gepflogenheit entspricht. Überhaupt, die Abbildungen – seien es nun Säulendiagramm-Zusammenfassungen von Experimenten, Kurven, schematische Zeichnungen o.ä, – haben mich mehr verwirrt als belehrt, insbesondere, weil die Farbgebung (von weiß über verschiedene Abstufungen von hell- zu dunkelblau) nicht einheitlich ist, sondern von Darstellung zu Darstellung wechselt, so dass ein jeweils neues "Einlesen" (was bedeutet was?) notwendig ist. Das ist schade, manchmal sogar ärgerlich und schmälert sowohl den Informationsgehalt wie auch das Lesevergnügen, dem ohnehin ein gewisses Durchhaltevermögen abverlangt wird. Immerhin: jedes die Studien ausführlich darstellende Kapitel wird am Ende gut verständlich und knapp zusammengefasst, so dass eine Vorablektüre dieser Zusammenfassungen bereits einen guten Überblick gibt und auch ein gezielt auswählendes Lesen nur bestimmter Kapitel erlaubt. In diesem Sinne sei das Buch dann doch zur Lektüre empfohlen. Und interessant und wichtig sind auch Jänckes Schlussfolgerungen, denen er das letzte Kapitel widmet.
Hier nur einige Schlaglichter: •Hat Musikunterricht einen günstigen Einfluss auf Schulleistungen und kognitive Funktionen? – Ja, wenn auch in wohl nur geringem Umfang, aber... ist nicht besser danach zu fragen, welchen Zweck Musiktraining eigentlich haben soll? Ob es eher zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit geeignet sein solle, oder ob Musizieren nicht vielmehr eine wunderschöne Kulturtätigkeit sei, die ganz unabhängig von schulischen Leistungsaspekten Freude und Befriedigung schenken könne?

Oder:

  • Worin unterscheiden sich Musiker von Nichtmusikern? – Musiker zeigen moderat bessere Leistungen beim verbalen Gedächtnis und bei visuell-räumlichen Tests. Oder:
  • Lernt man besser, wenn man gleichzeitig Musik hört? – Tja, die Antwortet lautet: teils-teils... Oder:
  • Ist es gut, wenn man im fortgeschrittenen Alter musiziert? – Hier ist die Antwort ein eindeutiges Ja, denn offenbar, so Jäncke, hat das aktive Musizieren so etwas wie eine "Schutzwirkung" gegen Demenz. Und schließlich:
  • Soll man in der Schule musizieren? – Jäncke: "Die derzeitigen Diskussionen, in denen die einzelnen Schulfächer gegeneinander ausgespielt werden, halte ich für nicht zielführend. Musik gehört in die Schule, weil Musik ein kultureller Grundpfeiler der Menschheit ist und auch jede Kultur ihre Identität mit spezifischer Musik verknüpft. Kein Mensch würde die Sinnhaftigkeit des Geschichtsunterrichts in Frage stellen und die Bedeutung des Geschichtsunterrichts an den möglichen Transfereffekten in den Mathematikunterricht messen."

Macht Musik nun schlau? Vielleicht ist "Schläue" gar nicht der richtige Begriff, sondern eher "Klugheit"? Klugheit im Sinne umfassender Menschenbildung, zu deren Entwicklung ganz elementar z.B. motorische wie sprachliche wie visuell-räumliche Fähigkeiten gehören. (5.12.2009, Michael Knoch)

 

MICHAEL WERSIN

CD-Führer Klassik

2. durchgesehene und aktualisierte Auflage, Reclam, Stuttgart 2007, 6,80 €

Eine Übersicht über "die" klassischen Musik-CDs auf knapp 290 Seiten – kann das überhaupt gut gehen? Wo es doch schon zu einzelnen Komponisten bereits umfangreiche Diskographie-Studien gibt?
Und was ist das überhaupt: "Klassik"? Wersin liefert im kurzen Vorwort einen guten Überblick und Antworten auf diese und andere Fragen, die sich bei jedem der vielen Kanonisierungsprojekte der letzten Jahre stellen. Sein Anspruch ist es, der Musik, den Einspielungen und seinen auch persönlichen Vorlieben gerecht zu werden; er schließt bescheiden-selbstbewusst: "Dieses Buch möge dem Klassik-begeisterten Leser auf seinen Entdeckungsreisen weiterhin ein Wegweiser sein."
Nun, wir wissen: hätte Alexander den Gordischen Knoten nicht durchhauen, hätte er Asien niemals erobert – in diesem Sinne ist es wohl müßig, zu fragen, weshalb Beethoven ohne Sinfonie gewürdigt wird, Vivaldis Jahreszeiten auf einer Seite oder Mozart ohne Streichquartett; weshalb bei Schumanns Geigenkonzert nicht auf Gidon Kremers Einspielung verwiesen oder auch, ob Haydns Streichquartettschaffen mit der Reihe op. 20 wirklich repräsentativ dargestellt wird. Denn immerhin umfasst das Büchlein Komponisten und Werke vom 14. Jh. (Guillaume de Machaut) bis zum Jahr 1998/98 (John Adams) – wer wollte behaupten, diese Beispiele alle schon zu kennen? Insofern reiht sich Wersin ein in die lange Reihe der Musikführer und -ratgeber seit Robert Schumann, der den Musikfreunden ja aufgegeben hat, sich nach und nach in eifrigem Studium die (=alle!?) Werke der vergangenen Meister zu erarbeiten. Also: los geht´s! (Rupert Plischke)